36 WISSENSCHAFTLICHE ANFÄNGE.
BEITRAG ZU EINEM VERZEICHNIS DER DICHTERDES MITTELALTERS.
Neuer literarischer Anzeiger. Herausgegeben von Chr. v. Aretin in München. 4.Jahrgang II (1807) Bd III, No. 47 (24ten Nov. 1807), S. 737—74G.
_LJie Geschichte der deutschen Poesie des Mittelalters gehtungefähr mit dem löten Jahrhundert zu Ende. 1 ) Wenn es nunwahr ist, dass erst eine völlige Durchdringung und Beherrschungdes Details möglich macht, gedeihliche Resultate aufzustellen(wobei auch keineswegs braucht befürchtet zu werden, dasssich die Ansicht für das Ganze verliere), so kann niemand dieSorgfalt, auch das Geringere und unbedeutend Scheinende indieser Periode zu berücksichtigen, verwerflich finden: eins stehtmit dem andern in Verbindung und klärt sich gegenseitig auf.In dieser Hinsicht habe ich ein Verzeichnis aller Dichter desMittelalters entworfen und theile daraus die weniger bekanntenmit, in der Hoffnung, dass Freunde dieser Literatur dadurchbewogen werden, die unvollständigen Notizen, die ich oft
! ) loh postulire diesen Satz, weil ich glaube, dass hier nicht der Ort ist,ihn zu deduciren. Diese Bemerkung soll zu der weiteren führen, dass ich esüberhaupt für meine Aufsätze in dem „Neuen Literarischen Anzeiger" un-passend finde, Behauptungen von grösserem Umfang zu beweisen, weil siedoch erst in der Vereinigung mit dem Ganzen vollständig erläutert werdenkönnen, und weil manches sonsther bekannte aufgeführt werden müsste, hier,wo man nur etwas gänzlich Neues oder irgend ein Detail ausführlich unter-sucht zu sehen wünscht. Wenn z. B. Herr B. D[ocen] die paar Worte, die ichüber die Originalität des Nibelungenlieds, um eine andere Meinung unbegründetzu nennen, gesagt habe, mit Gründen unterstützte, so erkenne ich allerdingsdie Ehre seiner Aufmerksamkeit, allein die angegebenen Beweise konnten mir,unter andern, nicht leicht entgangen sein. Das Fragment des ältesten Romans,wie es heisst, [das Hildebrandslied] befindet sich nicht nur auf der hiesigenBibliothek, sondern wird auch in dem bekannten Kochischen Compendiumzweimal und in Kinderlings Geschichte der Niedersächsischen Sprache ange-führt und beschrieben. Die Stelle aus dem Loblied auf den heiligen Anno istschon in den Noten zu dem lateinischen Gedicht: „De prima Attilae expeditione"(welches selbst mit dem Nibelungenlied in offenbarer Beziehung bestehend, einweit mehr bedeutender Beweis) angeführt, und zu der [aus der] Quedlin-burgischen Chronik citirten Stelle (die vielleicht nicht eine directe Anwendungleidet) könnte ich mehrere, und unter diesen eine ungleich wichtigere auseinem anderen Schriftsteller des 12 ten Jahrhunderts stellen.