Druckschrift 
1 (1881)
Seite
19
Einzelbild herunterladen
 

SELBSTBIOGRAPHIE. 19

Jahrs, ward mir das Glück zu Theil, Goethe zu sehen. Nochdeutlich bin ich mir der Stimmung bewusst, mit welcher ichzum erstenmale sein Haus betrat, und über die bequeme Treppeund das oft beschriebene Salve in sein Zimmer gelangte.Jemand, den wir früher oft und genau in mannigfachen Bildernangesehen, ist uns nicht fremd und überrascht uns doch; inder Wirklichkeit liegt noch eine Macht, von der die Kunstnichts weiss. Er äusserte Theilnahme für die Bemühungen zuGunsten einer lang vergessenen Literatur und Geneigtheit siezu unterstützen, wie mir denn auch späterhin durch seine Für-sprache die Benutzung einiger Codd. der dortigen Bibliothekarestattet wurde. Ich bin während meines Aufenthaltes inWeimar, wo Madame Schoppenhauer ein ebenso glänzendes alsangenehmes Haus machte und mich auf das gütigste empfleng,noch einigemal bei Goethe gewesen, habe ihn in der Eigen-tümlichkeit seines Wesens gesehen, seine Rede gehört. Ichglaube, ihn selbst gesehen zu haben, ist zu dem Verständnisseseiner Gedichte ungemein förderlich. In ihnen ist dieselbeMischung der grossartigsten, reinsten und edelsten Natur, dieein sinnvoller Mensch sogleich anerkennt und verehrt, undjener höchsteigenthümlichen, besonderen Bildung, deren Gangman nur zuweilen erräth. Erregt doch auch der wunderbareBlick seiner Augen ebensowohl das vollste Zutrauen, als eruns ferne von ihm hält. Wenn in einer Zeit eine nationelleGesinnung herrscht, mag es von geringerer Bedeutung sein,die Persönlichkeit des Dichters kennen zu lernen, der denCharakter des Volks in höchster Blüthe darstellt; anders ver-hält es sich, wo eine solche Nationalität fehlt und ein Geist,je grösser er ist, desto freier und kühner, innern, unansmess-baren Bedürfnissen gemäss sich entwickelt und bei höheremAufsteigen immer einsamer sich fühlen muss. Man findet dieseEinsamkeit, meine ich, in den meisten seiner W T erke und dasAnsprechendste und Einleuchtendste mit dem Seltsamsten undFremdartigsten verbunden. Aus diesem Verhältnis wird auch dasVerlangen unserer Zeit gerechtfertigt, die Geschichte der Bildungeines ausgezeichneten Mannes zu erfahren, die oft das Verlangennach dem unmittelbaren Genuss seiner Werke übersteigt.

2*