SELBSTBIOGRAPHIE. 13
ich dem Mehlthau vergleiche, der auf die gesundesten Pflanzenfällt und sie eine Zeitlang im Fortwachsen hemmt. Eine ge-rechte Würdigung scheint nicht mehr allzufern, und nachdemeine sichere Grundlage gelegt worden, ohne welche die einzelnenBemühungen leicht wieder zusammengebrochen wären, so stehteine abermalige Vergessenheit nicht mehr zu befürchten. Diegeistige Bildung des Mittelalters lässt sich kaum mit einerandern vergleichen: in ihrer Eigenthümlichkeit ist zugleichLeben und Wahrheit, in ihrem Reichthume Mannigfaltigkeit,in einer nicht geringen Anzahl ihrer Erzeugnisse ein ausge-zeichneter innerer Werth; wie sollte jemand an einem für dieGeschichte des menschlichen Geistes so wichtigen Zeitpunktegleichgültig vorüber gehen können oder sich vorsätzlich davonabwenden ? Ein glücklicher Umstand scheint mir, dass derCharakter dieser Bildung einer flüchtigen, bloss geistreichenBetrachtung widerstrebt und die Geschicklichkeit, mit allge-meinen Formeln das Ganze zu erfassen, oder, wie man sagt,sich anzueignen, dabei zu Schanden wird. Es sind schonBücher in diesem Geiste geschrieben worden, vielleicht mitTalent. Wer die Dinge nicht kennt, mag hoffen, etwas darauszu lernen, wer sie kennt, dem wird der Widerwille vor grund-losen Einbildungen und leeren Spiegelfechtereien alle Nachsichtunmöglich machen. Hier muss jedes einzelne nach seiner freienund unabhängigen Natur untersucht und gewürdigt werden,und nur auf diesem mühsamsten Wege darf man hoffen, zueinem wahrhaften Bilde jener Zeit zu gelangen. Es wird denmeisten paradox lauten, dennoch ist es wahr: was die Gegen-wart, der es nicht an Feinheit des Geistes und einer gewissenSchwelgerei in subtilen Gedanken fehlt, als ihr Eigenthümlichstespreisen möchte, sie könnte in den Gedichten des 13ten Jahr-hunderts das Gegenstück finden und dabei eine Gewandtheitim Ausdrucke des Einzelnen, deren die heutige Sprache nichtmehr fähig ist. Freidanks Werk allein bewährt einen Gradvon einem Selbstbewusstsein und unbefangener Beobachtung derWelt, dessen sich die besten unserer Zeit nicht zu schämenbrauchten. Das Mittelalter zu erforschen, um es in der Gegen-wart wieder geltend zu machen, wird nur der beschränktesten