SELBSTBIOGRAPHIE. 11
genug anschlagen kann, ja ich weiss nicht, ob ich sonst je aufeinen ordentlichen Weg gekommen wäre. Für wie vieles anderehat er uns den Sinn erschlossen, und wie manches noch un-bekannte Buch ward aus seiner Bibliothek nach Haus getragen!Die anmuthige Weise, mit welcher er wohl gelegentlich etwasvorlas, eine Stelle aus Wilhelm Meister, ein Lied von Goethe,ist mir noch so lebhaft in Gedanken, als habe ich ihm erstgestern zugehört. Manchmal kommt es mir vor, als sei heutzu Tage strenger Eifer für Gelehrsamkeit wohl zu finden, einesolche Richtung nach freier Ausbildung aber seltener und demErnste die Heiterkeit entzogen worden; oder täusche ich michund sollte ich bloss beklagen, dass die Zeit der ersten jugend-lichen Anregung und der eben erwachten Theilnahme für dasGeistige vorübergeht? Die Verschiedenheit von Savignys Vor-trage hatte ich volle Gelegenheit zu bemerken, als ich in diePandekten zu Weiss kam. Sie waren gewiss nicht schlecht,aber bei aller natürlichen Lebhaftigkeit des Mannes fehlte dochdas rechte, fortschreitende Interesse an der Sache, und mit-unter ins Geschmacklose zu gerathen ward ihm auch nichtschwer. Bei Erxleben, der Kirchenrecht vortrug, herrschte einelangweilige und abgelebte Zierlichkeit des Ausdrucks, die fürden Inhalt entschädigen sollte. Im Frühjahr 1807 [1806] wurdeich examinirt, und wahrscheinlich hätte ich im Laufe des Jahrseine Anstellung erhalten, wenn nicht das Vaterland von denFranzosen wäre überzogen worden.
Jener Tag des Zusammenbruchs aller bisherigen Verhält-nisse wird mir immer vor Augen stehen. Ich hatte am letztenOktober Abends die französischen Wachfeuer in der Ferne miteiniger Bangigkeit gesehen, aber dass Hessen unter fremdeHerrschaft gerathen sollte, konnte ich nicht eher glauben, alsbis ich am andern Morgen die französischen Regimenter beidem alten, jetzt niedergerissenen Schlosse in vollem militärischenGlänze einziehen sah. Bald änderte sich alles von Grund aus:fremde Menschen, fremde Sitten, auf der Strasse und denSpaziergängen eine fremde, laut geredete Sprache. Keineandere deutsche Stadt hat so vielfachen Wechsel erlebt, alsCassel, und manchmal scheint es mir, als habe ich mehrere