LXXIX
Bielefelder Leinwand wurde, begünstigt durch den vorzüglichen Flachs, den dieGrafschaft Ravensberg liefert, bald der holländischen ebenbürtig, und nur in derBleicherei blieb Harlem überlegen. Friedrich der Grosse befreite die Meister undArbeiter der Leinenfabrication von der Militärpflicht, gründete ein Handels- undBleichgericht und suchte auf jede "Weise die Feinheit des Gespinnstes und Ge-webes sowie die Bleicherei zu verbessern. Unter ihm wurden die holländischenBleichanstalten eingeführt, die Fabrication warf sich auf die geblümte schweize-rische Leinwand und 1783 erbaute die Bielefelder Kaufmannschaft eine Fabrikfür Leinendamast. Friedrich Wilhelm II. stiftete einen Fonds von 50 000 Thlr.zur Etablirung eines Flachs-Magazins, Anlage einer Zwirnfabrik und Einführungder irländischen Bleichmaschinen. Die Bielefelder Leinwand hatte zu Anfang desJahrhunderts bedeutenden Export, besonders nach Spanien und den überseeischenLändern. Diese Verbindungen wurden gestört durch das Continental-System undspäter durch die Revolutionen in Süd-Ämerica. Den gefährlichsten Stoss erlittaber die westfälische Leinen-Industrie durch die rasche und gewaltige Ausdehnungder Spinn-Maschinen in England und Irland und durch die billigere Baumwolle.Leider beharrten die Bielefelder Fabricanten zu lange beim Handgespinnst, nochvor Kurzem bestand in Herford ein Verein zur Bereitung von Leinen aus Hand-gespinnst. Es kam eine Zeit grosser Noth für die Weber, der Export ging zumgrossen Theil verloren, und erst in den 1840er Jahren entstanden die Maschinen-8pInnereien, welche in Bielefeld sowohl wie am Niederrhein in Dülken und Dürendurch Staats-Prämien ins Leben gerufen wurden. Damit begann allmählich einneuer Aufschwung, der sich steigerte, als der americanische Bürgerkrieg die Baum-wolle vertheuerte. Die Herstellung fertiger Leibwäsche (Herrenhemden etc.) hatim letzten Jahrzehnt sehr zugenommen.
In den westfälischen Kreisen Halle und Warendorf blüht die Segeltuch-Fabrication, welche dort Ende vorigen Jahrhunderts aus Hannover eingeführtwurde. In Tecklenburg wird seit alter Zeit aus Hanfgarn das sogenannte Löwend-lcinen gefertigt.
Die Leinenweberei, welche in Westfalen wie in Rheinland von der ländlichenBevölkerung als Nebenbeschäftigung betrieben wurde, hat sich als solche inWestfalen noch behauptet, wenn auch in gemindertem Umfange.
Im Regierungs-Bezirk Münster gab es 1843 noch 6345 Leinen-Webstühle imHauptbetrieb und 11615 im Nebenbetrieb, während 1875 im Ganzen nur mehr5G97 Hand-Webstühle auf Leinen vorhanden waren. Im Rsgierungs-Bezirk Mindenwaren 1858 noch 3190 Leinen-Webstühle im Haupt- und 10 051 im Nebenbetrieb,während 1875 überhaupt nur 3954 Hand-Webstühle gezählt wurden. Daneben gabes freilich 1875 in Münster 682 und in Minden 893 Kraftstühle, die erst in denletzten 20 Jahren dort aufgekommen sind. Analog war die Entwicklung imRheinland. Der Regierungs-Bezirk Coblenz hatte 1858 noch 952 Leinen-Webstühleim Haupt- und 3747 im Nebenbetrieb, während 1875 überhaupt nur 1075 Leinen-Webstühle dort vorhanden waren.
Einerseits ist Leinen im Verbrauch durch Baumwolle zurückgedrängt, anderer-seits hat die Fabrik-Industrie die Leinengewebe so billig und der erleichterteTransport sie selbst der ländlichen Bevölkerung so zugänglich gemacht, dass dieLeinenweberei als Nebenbeschäftigung immer mehr vorschwindet. An Stelle deralten Leinen-Industrie hat sich im Münsterländischen und namentlich im KreiseBorken eine bedeutende Baumwoll-Spinnerei und Weberei entwickelt.
Wir haben vorstehend einige der Haupt-Centren der Textil-Industrie geschildert,letztere ist aber weit weniger an bestimmte Orte gebunden wie die Gross-Eisen-Industrio und findet sich daher zerstreut über das ganze Ausstellungsgebiet. Dienachfolgende Tabelle zeigt die Verbreitung der einzelnen Zweige der Textü-Industrieüber die verschiedenen Regierungs-Bezirke nach der Gewerbezählung vom 1. De-„ceniber 1875: