634 BERICHT ÜBER DIE STELLUNG DER REGIERUNG.
gleicher Linie stehen, nicht natürlich finden ? Despotische Re-genten haben nicht selten den Adel ihres Landes zurückgesetztund zu Ministern ganz von ihrer Gunst abhängige Männerselbst aus dem Auslande herbeigezogen. Die Zahl jener Adlichen,die zugleich vermögende Gutsbesitzer sind, der eigentlichenBarone, ist übrigens nicht gross, so dass durch sie ein ab-schliessendes Vorrecht könnte begründet werden. Denn als Regelkann doch nur gelten, dass die Regierung von der Aristokratieder geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung, der höherenFähigkeiten umgeben sei, eine Regel, die sich ohnehin vonselbst, zumal bei der jetzigen Organisation der Verwaltung, inden meisten deutschen Ländern eingeführt hat. In kleinerenStaaten, die keinen mächtigen hohen Adel wie etwa Osterreichbesitzen, ist ohnehin der Gegensatz von geringerer Bedeutung.Was aber den übrigen Adel, namentlich den neueren, unbe-güterten Briefadel betrifft, so wüsste ich für diesen einen be-gründeten Vorzug nicht ausfindig zu machen. Man beruft sichoft auf das Mittelalter und die Herrlichkeit seines Adels; waswürde jene gerühmte Zeit sagen, wenn sie diese ganze un-geschichtliche, das wahre Verhältnis zerstörende Erfindung desmodernen Adels in seiner jetzigen Ausbreitung erblickte? Wel-cher eigenthümliche Beruf, welche besondere, anderen un-erreichbare Stellung wird durch das Recht begründet, seinenNamen etwas weitläufiger zu schreiben? Wie oft ist diesesRecht aus leerer Eitelkeit gesucht und auf gewöhnlichen Wegenerlangt worden! Bekenner mosaischen Glaubens haben es em-pfangen, ausgezeichnete Bürgerliche nicht selten abgelehnt. Willman hier von einer angeborenen edleren Gesinnung, von höheremSinne, sorgfältigerer Erziehung im Ernste reden? Ich glaubeden Zustand der Bildung in Hessen zu kennen: es besteht keingeistiger Unterschied zwischen dem Adlichen und dem gebildetenBürgerlichen, Erziehung, Lebensweise, geistige Richtung ist die-selbe, und will man Kunst und Wissenschaft als einen Massstabgelten lassen, was denn so gar unvernünftig nicht ist, so kann dieeben erschienene Hessische Künstler- und Gelehrten-Geschichtevon Justi, welche den Etat der gegenwärtigen Zeit aufstellt,leicht darthun, auf welcher Seite das Übergewicht ist.