EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER IIARTMANNK EREK. 577
EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBERHARTMANNS EREK.*)
JLch habe im vorigen Sommer eins der schönsten Denk-mäler des Alterthums, das einen Theil des deutschen Volkseposausmacht, das Gedicht von Gudrun, erklärt, in dem Wintervorher ein ausgezeichnetes Lehrgedicht, den Freidank, der diesittliche Bildung in der blühendsten Zeit der altdeutschen Dicht-kunst darstellt: ich wähle diesmal zu dem Gegenstand meinerVorlesungen eins der besten Werke der ritterlichen Poesie, Erek,ein Gedicht aus dem Arthurkreise. Ich habe bei der Gudrunwie bei dem Freidank versucht in einer Einleitung das Ver-hältnis, in welchem das einzelne Denkmal zu der ganzen Gattung[steht], zu der es gehört, zu schildern. Wenn wir einen Baum be-trachten, der in seiner Kraft vor uns steht, so betrachten wirauch den Boden, der unter ihm grünt, den Brunnen, der nebenihm quillt, die Luft, die ihn umgibt, in der er athmet, endlichBerge und Felsen in dem dämmernden Hintergrund: und erstin dem Anblick der ganzen Landschaft empfangen wir denvollen und wahren Eindruck, den die Stelle gewähren kann,auf der wir stehen. Dieser Weg scheint mir der beste, umSie auf eine fruchtbare und lebendige Weise in die Erkenntnisdes deutschen Alterthums einzuführen. Vorlesungen, die dasGanze umfassen, können bei dem Einzelnen nicht mit gleicherSorgfalt verweilen: ich verkenne ihren grossen Werth keines-wegs. Allein es sind schon Bücher vorhanden, aus denen mansich Raths erholen kann, für die äussere Geschichte der PoesieKobersteins Grundriss, für die innere das Werk von Gervinusüber die deutsche Nationallitteratur, aus dem ein Auszug in
*) [Begonnen am 7. Nov. 1843, 18. Okt. 1S44, 9. Nov. 1846, 6. Nov. 1848,6. Mai 1850.]
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. IV. 37