446 DIE SAGE VON POLYPHEM.
höhnisch zu: »Jetzt kannst du mir nichts mehr anhaben«. DerRiese stellt sich an, als wäre er versöhnt, und spricht zu ihm:»Steh, Jüngling, und lass dir ein Wörtchen sagen«. Der Jünglingtraut ihm nicht und will entfliehen. Da ruft der Riese ihm nach:»Steh und nimm diesen Ring von meinem kleinen Finger zumAndenken«. Der Jüngling lässt sich bethören, nimmt den Ringund steckt ihn an. Da hebt der Ring an zu rufen: »Hierher,Blinder, hierher!« Der Jüngling springt fort; der Riese läuftihm nach, kommt immer näher und streckt schon den Armnach seinem Nacken aus, als jener, das Gewässer erreicht.Schnell haut er den Finger ab und wirft ihn in die Wellen.Der Ring ruft auch hier immerfort: »Hierher, Blinder, hierher!«Da springt der Riese ins Wasser und ertrinkt.
7. Eine Sage aus Esthland ist von Rosenpläntner in denBeiträgen zur genaueren Kenntnis der esthnischen Sprache Bd 2,Heft 6 S. 61—63 bekannt gemacht; ich theile die Übersetzungaus der Deutschen Mythologie S. 979 mit.
Die Esthen nennen den Knecht, welcher über Scheuneund Getreide die Aufsicht hat, Riegenkerl. Ein solcher sasseinmal und goss Knöpfe; da kam der Teufel gegangen, grüssteund fragte: »Was machst du da?« »Ich giesse Augen«. »Augen?Kannst du mir auch neue giessen?« »O ja, doch jetzt sindmir weiter keine zur Hand«. »Aber auf ein ander Mal willstdu es wohl thun?« »Das kann ich«, sprach der Riegenkerl.»Wann soll ich wiederkommen?« »Wann du willst«. Denandern Tag kam der Teufel, um sich die Augen giessen zulassen. Der Riegenkerl sagte: »Willst du grosse oder kleine?«»Recht grosse«. Der Mann setzte nun eine Menge Blei zum17 Schmelzen auf und sagte: »So kann ich dir nicht giessen; dumusst dich erst festbinden lassen«. Darauf hiess er ihn sichrücklings auf eine Bank legen, nahm dicke, starke Stricke undband ihn ganz fest. Als der Teufel festgebunden war, fragteer: »Welchen Namen hast du?« »Issi (Selbst) ist mein Name«.»Das ist ein guter Name; keinen besseren kenne ich«. DasBlei war nun geschmolzen; der Teufel sperrte seine Augen weitauf und gedachte neue zu bekommen, des Gusses wartend.»Jetzt giess' ich«, sprach der Riegenkerl und goss dem Teufel