364 ZWEI THIERMÄRCHEN.
> DER ZAUNKÖNIG.
Der Zaunschlüpfer ward König durch List, nicht durchTapferkeit und ward über die anderen Vögel gesetzt, obgleicher der kleinste ist. Als nämlich sich die Vögel versammelthatten, einen König zu wählen, wurden sie einig, dass der-jenige es werden solle, der am höchsten fliegen könne. DerAdler sprach: »wer unter den Vögeln kann sich mit mir ver-gleichen und wer ist schneller als ich?« Der Zaunschlüpferaber dachte: »ich will mich von ihm in die Höhe tragen lassen«und setzte sich unter die Flügel desselben. Die Vögel flogenauf, und der Adler stieg noch einmal so hoch als die übrigen.Da rief er: »ich bin der Herr der Vögel!« Als der Zaunschlüpfersah, dass der Adler ermüdet war und nicht weiter konnte, nahmer alle seine Kräfte zusammen und flog noch ein Stück weiterin die Höhe. So ward ihm der Preis und er der König derVögel.
Beide Märchen sind genommen aus einer Sammlung vonThierfabeln, die der Rabbi Barachja Nikdani oder Hannakdanin der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts in hebräischerSprache dichtete. Sie erschien zuerst in Mantua 1557, und imJahr 1661 gab sie der Jesuit Melchior Hanel zu Prag miteiner lateinischen Übersetzung heraus. Man findet darin diebekannten äsopischen Fabeln, aber von einem nicht unbe-trächtlichen Theil lassen sich die Quellen nicht nachweisen.Dass darunter auch Erzählungen aus dem Munde des Volkswaren, wer sie nun zuerst aufgefasst hat, lässt ihr schlichterder lebendigen Überlieferung gemässer Inhalt nicht bezweifeln.Zu diesen gehören die zwei hier mitgetheilten Thiermärchen,die bei Hanel S. 105 und S. 147 stehen. Sie sind besondererAufmerksamkeit werth, weil sie mit der noch heute unter unsumgehenden Überlieferung offenbar in Verwandtschaft stehen,deren hohes Alter dadurch nachgewiesen ist. Der Krieg derWespen und Esel ist in dem Hausmärchen 102 als Kriegzwischen den vierfüssigen Thieren und den Vögeln dargestellt:der Zug aber, dass die Wespe sich in das Ohr ihres Feindessetzt und ihn sticht, kommt in einem anderen (Bd. 3, S. 82)