Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Bd. 3 (1875) Kriege der II. Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in West-Europa : 1740 - 1792 ; die Kriege Friedrich's des Grossen
Entstehung
Seite
287
Einzelbild herunterladen
 

9. Die Art und Weise der Kriegführung in der Periode von 17401792. 287

oder die Grenzen in ihrer Ausdehnung besetzen, desto stärker undsicherer konnte man das Land und die Grenzen besetzen und decken unddie eigenen Communicationen sicherstellen, und desto bequemer konnteman schliesslich die Flanken des Feindes umzingeln und seine Com-municationen bedrohen. In Folge dessen wurden die Armeen in vieleabgesonderte Detachements zerstückelt, welche auf einer grossenLandesstrecke. in Gestalt von Cordons oder Ketten auf in taktischerHinsicht starken Punkten und Positionen aufgestellt wurden und aus-schliesslich nur defensiv operirten. Das Cordonsystem wurde zuerst vonden Oesterreichern im bairischen Erbfolgekriege (17781779) unddann im Kriege gegen die Türken (17881790) angewandt. Im erstendieser Kriege brachte dieses System weder Nutzen noch Schaden, weilfast gar keine Kriegsoperationen stattfanden. Die Truppen, gegeneinanderin langem Cordon aufgestellt, blieben fast ganz in Unthätigkeit undnur die Politik handelte. Aber im Türkenkriege hat dieses System klarbewiesen, wie falsch und schädlich es war. Im Feldzuge von 1788 bil-dete die österreichische Armee einen Cordon auf der ungemein grossenLandesstrecke vom Pruth bis zu den' Gestaden des adriatischen Meeres.Nachdem die Türken ihre Streitkräfte concentrirt hatten, fielen sie aufeinem Punkte über die ausgedehnte Linie der Oesterreicher her, durch-brachen diese ohne Mühe und zwangen die Oesterreicher, um ihre Streit-kräfte im Rücken zu concentriren, zum Rückzüge, und ohne ihnen Zeitzu lassen, dies gänzlich zu bewerkstelligen. schlugen sie sie in zweiSchlachten.

Das Cordonsystem war eine neue Art von Methodismus, aber sofalsch und schädlich, wie der Methodismus am Ende des 17. und amAnfange des 18. Jahrhunderts. Die Idee, dass es mittelst einer aus-gedehnten Aufstellung der Truppen möglich sei, einen bedeutenden Land-strich oder die Grenzen zu besetzen und zu decken und die grösste Zahlvon in taktischer Hinsicht vortheilhaften Punkten zu benutzen und dass,je grösser die Ausdehnung der Truppen, desto mehr Mittel vorhandenseien, die Flanken des Feindes zu umzingeln und seine Communicationenzu bedrohen, schien in der Theorie begründet und richtig zu sein, waraber in der Praxis durchaus falsch. Die ausgedehnte Aufstellung derArmee und die Besetzung einer grossen Anzahl Punkte im Lande nöthigtezur Zerstückelung der Streitkräfte, wodurch auch die zahlreichste Armeeauf allen Punkten schwach wurde und auf keinem derselben mit gehöri-ger Entschiedenheit und Kraft operiren konnte; der Feind konnte, nach-dem er seine Streitkräfte concentrirt hatte, wie es die Türken gethan,leicht überall die schwache Linie der Armee und ihre abgesonderten De-tachements in Theilen schlagen oder falls dieselben solch einem Schick-sale ausweichen wollten, sie zum schleunigsten Rückzüge zwingen. Und