202 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
auch nicht ganz unmöglich war, denn 1) befanden sich von den verbün-deten Armeen die einen (die österreichische, die Reichsarmee und dieschwedische) an den Grenzen Preussens und Sachsens selbst und konntenBerlin in einigen Tagemärschen erreichen, die andern aber (die franzö-sische und besonders die russische) sehr weit von Preussen, weshalb sieviel mehr Zeit, um die Mitte desselben (Brandenburg) zu erreichen, nöthighatten als die erstem drei Armeen; 2) konnten die verbündeten Armeenniemals frühzeitig und zu gleicher Zeit marschfertig sein und eröffnetendie Operationen zu verschiedener Zeit und im Allgemeinen sehr spät;3) konnte die französische und die russische Armee ihrer Entfernung we-gen, und letztere ausserdem noch in Folge der Langsamkeit ihrer Bewe-gungen (von dem Magazin und dem Train wie oben gesagt) nach Sachsenoder zur Oder nicht früher als im Juni oder Juli heranrücken, und bis zuihrer Ankunft blieben die übrigen Armeen in Unthätigkeit oder beschränk-ten sich auf unbedeutende Defensivoperationen ; 4) mit der Annäherungder französischen oder russischen Armee wurden die andern in Bewe-gung gesetzt, indem sie sich bemühten noch näher zu rücken oder sichmit der ersten zu vereinigen und zusammen zu operiren ; 5) waren Ent-schlossenheit und besonders ausserordentliche Einheit in den Operatio-nen die nöthigen Bedingungen des Erfolges der verbündeten Armeen, dieauf diese Art von verschiedenen Seiten operirten. Aber die Operationendieser Armeen entsprachen keiner einzigen dieser Bedingungen, da sieäusserst langsam, unentschlossen, ohne ein allgemeines Ziel, ohne Zu-sammenhang, Eintracht und Einheit bewerkstelligt wurden, um somehr, da zwischen den Feldherren der verbündeten Armeen grössten-theils erhebliche Meinungsverschiedenheiten und sogar (wie zwischenDaun und Soltikow) Zwietracht herrschten; 6) war das Heranrückender einen Armee nicht mit der Nothwendigkeit des Heranrückensder an-dern verbunden, aber der Rückzug einer zog auch den Rückzug der übri-gen Armeen nach sich; 7) waren von den sechs verbündeten Armeennur die österreichische, russische und französische stark, sie allein un-ternahmen wichtige Operationen und waren für Preussen gefährlich. DieReichsarmee und die schwedische Armee aber waren mehr oder wenigerschwach und ihren Operationen nach unbedeutend, für Preussen nicht ge-fährlich und für die Verbündeten wenig nützlich ; 8) nach drei- bis vier-monatlichem Operiren in der beschriebenen Weise zog sich mit Beginndes Herbstes die russische Armee zuerst nach Polen zurück, ihrem Bei-spiele folgten bald darauf die anderen Armeen, und im Novemberoder December hatten alle schon dort Winterquartiere bezogen, von wosie ihre Operationen begonnen hatten. In jedem Jahre wiederholtesich dasselbe Schauspiel.