2. Das Kriegswesen und die Kriegskunst in der Periode von 1 740—1792. 45
bemüht, bessere Zucht und Ordnung in der österreichischen Armee ein-zuführen, erzielten aber keine grossen Erfolge. Der Garnisons- und Feld-dienst in dieser Armee wurde im Allgemeinen ohne die nöthige Gleich-förmigkeit und Sorgfalt und ziemlich nachlässig gehandhabt.
Die selbst unbewusste Nachahmung der preussischen Militärorgani-sation war die Ursache, dass die preussische Militärdisciplin in ihrerganzen Strenge, mit allen Kleinigkeiten, in allen Armeen eingeführtwurde, ohne dass darauf geachtet worden wäre, ob dieselbe dem Geisteund Charakter des Volkes auch entspreche. Am Ende dieser Periodewurde übrigens die Strenge der Disciplin bedeutend gemildert (zuerst inSachsen, dann in Preussen unter Friedrich Wilhelm II. , in Oesterreichunter Joseph IL und später auch in den anderen Staaten). In der fran-zösischen Armee hingegen wurde zu dieser Zeit (unter St. Germain) diestrenge preussische Disciplin eingeführt, nicht sowohl weil die Not-wendigkeit vorhanden war, mit derselben die Zucht und Ordnung unterden Truppen herzustellen, als vielmehr aus gewohnheitsmässiger, ge-dankenloser Nachahmung preussischer Militäreinrichtungen. Aber diepreussische Disciplin, die nicht im geringsten dem Geiste und Charakterdes französischen Volkes entsprach, war nicht nur nicht fähig, den Geistund die Ordnung in der Armee herzustellen, sondern entwickelte undvergrösserte nur noch das in derselben eingewurzelte moralische Uebel.Schlechter Bestand, Unfähigkeit der Oberbefehlshaber und Unerfahren-heit der Befehlshaber einzelner Truppentheile, Mangel an Subordinationund Disciplin unter den Officieren und Untermilitärs, schlechter Geistunter den Truppen, Unfolgsamkeit, Nichtachtung, sogar Hass der Unter-militärs gegen ihre Officiere, überall Unordnung und Missbräuche —das war der traurige Zustand, in dem sich die französische Armee imLaufe dieser Periode befand und in dem sie von der Revolution ereiltwurde.
Niemals war die Desertion so eingerissen wie während des sieben-jährigen Krieges. Nach der Schlacht gingen oft die Truppen der geschla-genen Armeen in ganzen Haufen mit ihren Waffen zu der Armee über,die den Sieg errungen hatte, und kehrten häufig, nachdem sie Handgelderhalten, sofort wieder in ihre Armeen zurück. So verliess fast ein Drittelder österreichischen Armee nach der Schlacht bei Striegau ihre Fahnen.Mit Ueberläufern completirte Friedrich IL die preussischen Kegimenter.doch hielten dieselben nicht lange darin aus.
Mit den Kriegsgefangenen ging man in dieser Periode schon sanftund menschenfreundlich um: man unterhielt und verpflegte sie mit ge-höriger Sorgfalt und tauschte sie in gewissen Fällen, währ e nd des Krie-ges oder nach demselben, aus. Es kamen übrigens, wenn auch selten,(besonders in den schlesischen und im siebenjährigen Kriege, bei Striegau.