Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Bd. 1 (1874) Kriege der I. Hälfte des XVII. Jahrhunderts, der Dreissigjährige Krieg : 1618 - 1648
Entstehung
Seite
191
Einzelbild herunterladen
 

VII. Wallenstein. 191

Hof hielt, getreten sei, und dort einst in der Kirche, auf dem Fenstersimsesitzend, eingeschlafen und von dort aus dem zweiten Stocke hinabgestürzt^sei, ohne den geringsten Schaden zu nehmen; seit dieser Zeit soll er ruhiger,nachdenkender und in sich versunken geworden, auch bald darauf zum katho-lischen Glauben übergetreten sein. Aus den Forschungen neuerer, vollkommenglaubwürdiger Schriftsteller (Palacki, Förster, Ranke u.A.) geht hervor, dassin Folge des Geistes und der Begriffe des Wallenstein'schen Zeitalters überseine Jugend viele Legenden und märchenhafte Erzählungen verbreitet wordensind, denen man nicht Glauben schenken darf. Unzweifelhaft sind die seinenUebertritt aus der lutherischen zur katholischen Kirche begleitenden Um-stände (er war, wie es scheint, damals 15 bis 16 Jahre alt). Sein Oheim JohannKamka aus Rikama, der von Slavata die Vormundschaft über ihn übernommenhatte, Hess ihn in das Adelscollegium, das die Jesuiten damals in Olmütz unter-hielten, treten. Hier gewann der Jesuitenpater Pachta einen solchen moralischenEinfluss auf ihn, dass er sich diesem Pater vollständig unterwarf, zum katholi-schen Glauben übertrat und eifriger (nur in der Jugend) Katholik wurde.Derselbe Pater Pachta sorgte dafür, dass Wallenstein eine Reise in das katho-lische Süddeutschland, die Niederlande, Holland, England, Frankreich undItalien in Gesellschaft eines reichen Edelmannes, Adam Riesenburg's, unter-nahm, und zwar unter der Leitung des gelehrten Mathematikers und AstrologenPater Verdungus, welcher auch wohl in Wallenstein die Neigung zur Astrologieerweckt hat. Nach seiner Ankunft in Italien legte sich Wallenstein, besondersin Padua bei dem damals berühmten Astrologen Argoli auf das Studium derAstrologie, das er eifrig und gründlich betrieb. Von seinen Reisen zurück-gekehrt, erhielt er durch Vermittelung seines Oheims, des Oberstallmeisters amkaiserlichen Hofe, Adam von Waldstein, eine Officiersstelle in Ungarn indem kaiserlichen Heere des bekannten Feldherrn Georg Basta, das gegen dieTürken bestimmt war. Nach einigen Dienstjahren avancirte der junge Wallen-stein, während der Belagerung Grans, für Auszeichnung im Dienste zumHauptmann und kehrte nach Beendigung des Krieges 160(1 nach Böhmen zurück.In dem darauf folgenden Kriege zwischen dem Kaiser Rudolph und seinemBruder, dem Erzherzoge Matthias, hielt es Wallenstein für vortheilhafter, aufdie Seite des Letzteren zu treten , bei dem er zum Kammerherrn ernanntwurde, wenngleich dies nicht mit seinen militärischen Neigungen überein-stimmte. Gewiss ist, dass er bald darauf eine reiche, betagte Wittwe, Lucretiavon Landeck, heirathete, nach deren Tode er grosse und reiche Güter in Böhmenund Mähren erbte. Dies, wie die Erbschaft, die er von seinem Oheim Slavataerhielt, machte es ihm möglich, eine hervorragende Rolle am Hofe des KaisersMatthias zu spielen. Mit 200 Dragonern, die er auf eigene Kosten warb undunterhielt, begab er sicli nach Friaul-, wo Erzherzog Ferdinand (nachmaligerKaiser Ferdinand IL) als Pierzog von Steiermark, Kärnthen und Krain mit dervenetianischen Republik im Kriege begriffen war. Hier diente er unter dem