Kriege und Feldzüge Tiinur-Leng's oder Tamerlan's (1359—1405). g27
letzterer Beziehung verdient Timur unstreitig, wie auch Dshingis-Khan in die Reihe der grössten Feldherren der Geschichte gestellt zuwerden. Reich hegaht mit allen Eigenschaften eines solchen, in allenvon ihm geführten Kriegen und Feldzügen eine aussergewöhnliche undhohe Kunst entwickelnd, beweist er durch sein Beispiel u. A. auch, zuwelcher furchtbaren Macht ein Mann seiner Art die nomadisirenden Hir-tenvölker Mittel-Asiens heran zu bilden vermochte, indem er ihnen eineregelmässige Kriegsverfassung gab und sie einer strengen Disziplin undseinem eisernen Willen unterwarf. »Von allen Eroberern*) sind diefurchtbarsten Feinde der Sesshaftigkeit und Kultur die Hirtenvölker,und je ausgedehnter und geeigneter für Viehzucht und Wanderleben derdarin nomadisirenden zahlreichen Stämme die Steppen sind, desto gefahr-drohender ist dies für die Kultur-Völker. Die Geschichte zeigt uns, dassdie Steppen Asiens und Europa's, welche Nahrung und Futter für eineMenge vonNomaden-Stämmen geben, die imFall der Vereinigung mächtigsind, immer eine höchst gefährliche Nachbarschaft waren, und dass inihnen grosse unüberwindliche Kräfte schlummerten. Wie dieBestandtheileder Vulkane, von der Natur verarbeitet, erwarteten sie den Zeitpunkt,da sie reif waren für plötzliche furchtbare Eruptionen, Erschütterungenund Umwälzungen der politischen Welt und zur Erneuerung von Reichenund Völkern. Heute befindet sich Mittel-Asien unter der Herrschaft oderdem Einflüsse zweier mächtiger Reiche (China und Russland), welchedie Mittel besitzen, um zu verhindern, dass die Völker Mittel-Asienssich zu einem grossen Ganzen verschmelzen. Die künstliche und schlauePolitik China's hält den östlichen Theil von Mittel-Asien in ihren Hän-den ; der andere Theil befindet sich in unserem Besitz oder steht unterunserem Einfluss. Wenn diese beiden Reiche von einer gesunden Poli-tik geleitet werden und gemeinschaftlich handeln, um die Eroberungs-gelüste bei den Herrschern Mittel-Asiens nieder zu halten, so kann Asiennoch lange vor blutigen Erschütterungen gesichert sein«.
Diesem wahren Gedanken und Urtheile eines Kenners der Geschichteund des Wesens der mittelasiatischen Nomaden-Völker kann man nochhinzufügen, dass Russland, welches heute viele dieser Völker unter sei-ner Gewalt oder seinem Einfluss hat, die einstmals durch Dschingis-Khan oder Timur zu einer furchtbaren Macht verbunden wurden, die-selben Völker, gleich jenen Beiden, zu derselben gewaltigen regelrechtenorganisirten Kriegs-Macht zusammenfassen kann, aber mit andern Zielen,nicht zu Eroberungen, nicht zum Schrecken und Verderben der Nach-barn, sondern zum eignen Nutzen: zur Vertheidigung in seinen asiati-
*) Iwanin: Schluss, S. 237—243.