738 HI. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjälirigen Kriege etc.
Empörungen erschüttert, durch Bürgerkriege zerrüttet, hört es zwarnoch nicht auf, Angriffs-, Eroberungs- und Verheerungs-Kriege inAsien, Afrika und besonders Europa zu führen, beginnt aber doch schonin Unordnung und Verfall zu gerathen. Nach Suleim an I. erscheinennur noch selten fähige und tüchtige Sultane auf dem Throne, und indem zwischen Suleiman's I. und Achmed's I. Tode liegenden halbenJahrhundert gab es deren gar keine: — das war die Zeit der Unruhenim türkischen Reiche.
Deshalb verdient aber auch die erste Periode eine ausführlichereBetrachtung, als die zweite, umsomehr, da sich in ihr auch die gross-artigsten und erstaunlichsten Eroberungen der Türken und ihre glän-zendsten Kriegsthaten vollziehen, an deren Spitze die Belagerung undEinnahme von Konstantinopel und der Zerstörung des byzantinischenoder griechischen Reiches durch Muhammed IL zu stellen ist, welcheeine Epoche in der Geschichte bezeichnet.
Der zweite türkische Sultan Orchan oder Urchan, Sohn undNachfolger des ersten — Osman's, welcher 1359 gestorben war,bahnte zuerst den Türken den Weg nach Europa (siehe AllgemeineKriegs-Geschichte des Mittel-Alters, II. Theil achtes Kapitel, IV. dieTürken § 68). Sein Sohn und Nachfolger Muradl. (bei den Euro-päern Amurat) mit dem Beinamen Gazis oder Gechazis (Jehasi.Held) beschloss die Pläne seines Vaters und seines älteren BrudersSuleiman bezüglich der Ausdehnung der türkischen Eroberungen inEuropa zur Ausführung zu bringen. Und die Erfolge seiner Waffendabei waren wahrhaft erstaunlich: in den 30 Jahren seiner Regierungeroberte er fast die ganze Balkan-Halbinsel, und hätte beinah Konstanti-nopel eingenommen und das griechische Reich zerstört, das von KaiserJohannl. Paläologus nur schwach regiert wurde. Er begann damit,dass er Gallipoli und Demotika in Europa am Ufer des Marmora-Meereseroberte und in letzterer Stadt seine Residenz aufschlug. Von hier beganner seine Eroberungen nach Norden und Westen auszudehnen. Im Jahre1362 eroberte er Adrianopel und Philippopel, machte die erstere zur Haupt-stadt der Türkei in Europa, drang von ihr aus in Thessalien und Mace-donien ein, verheerte die Küstenstriche und nahm viele Städte daselbstein. Im Jahre 1363 besiegte er an der Maritza die gegen ihn verbün-deten Serben und Ungarn, indem er sie in der Nacht unvermuthet über-fiel, und 1361 erweiterte er seine Eroberungen bis zum Balkan. In denfolgenden zehn Jahren erfochten er und seine Feldherren neue Erfolgeund machten in Europa und Klein-Asien neue Eroberungen, indem siesich nach einander der grossen Städte und Provinzen bemächtigten unddas griechische Reich von allen Seiten mehr einengten und isolirten.