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Abth. 2, Das Mittelalter Bd. 2 (1885) Von der Einführung der Feuerwaffen bis zum 30jährigen Kriege : (1350 - 1618)
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Bemerkens^vertheste Kriege und Feldzüge. 699

sich so zu sagen noch in der Kindheit. Die Bewaffnung der Truppen,Aufstellung, Art der Bewegung und des Kampfes im Felde, hei Bela-gerung und Vertheidigung von Städten trug einen orientalisch-asiatischenCharakter, und zeigte fast keine Spur von Kunst. Die innere Organi-sation der Truppen aber, ihre Befehls-Führung und Verwaltung, ihrUnterhalt, militärische Disziplin u. s. w. waren mehr oder wenigerungenügend, besonders das Kriegs-Befehlshaber-Wesen undder sittliche Zustand der Truppen und Heere. Die Ernen-nung der Wojewoden in Heeren von fünf oder drei Regimentern, nichtnach kriegerischen Fähigkeiten, Verdiensten, Würdigkeit und Erfahrung,sondern nach höfischen und bojarischen Rücksichten, nach genealo-gischen Büchern, Geschlechts-Alter und Stelle, lief den einfachsten undnatürlichsten militärischen Begriffen und Anforderungen zuwider. Dazudie Unwissenheit der Wojewoden, besonders der Haupt-Wojewoden (mitseltenen Ausnahmen) im Kriegs-Wesen, im Vergleich zu den polnischenlithauischen und besonders schwedischen Heerführern, welche mit demwesteuropäischen Kriegswesen bekannt waren, wie sie in fast allenKriegs-Operationen des 8jährigen Krieges in der Periode der Unruhenhervortritt!

Aber weitaus das Schlimmste, allgemein gesprochen (und einigeAusnahmen abgerechnet) war der moralische Zustand der russischenTruppen und Heere und ihrer Anführer. In dieser Zeit allgemeiner Ver-derbniss und Erschlaffung der Sitten, der moralischen Verkommenheitdes Prätendententhums und der Leichtgläubigkeit, Servilität und Hülfe-leistung demselben gegenüber, der Käuflichkeit und Verrätherei imHeere wie im Volke, bei Befehlenden und Untergebenen, wirkte derGeist der Willkür, des Ungehorsams, der Verzagtheit nicht allein er-schütternd, sondern sogar zerstörend auf die militärische Ordnung undVerfassung der Truppen und Heere, und vernichtete jegliche Bedeutungihrer grossen Zahl wie der Erfolge ihrer Operationen, welche möglichwaren und bemerkbar werden mussten. Muthig, tapfer, standhaft undlange sich oft in ihren Festungen vertheidigend (wie im Troizko-Klosterund Smolensk), belagerten doch Heere von 100000 Mann lange, unge-schickt und erfolglos die feindlichen Städte, sogar die kleinen, im Feldeaber wendeten sie bei dem ersten noch so geringen Unfall kleinmüthigund schimpflich den Rücken, ergriffen die Flucht (die Wojewoden zu-erst) in ihre Städte und Güter, warfen Waffen und Gewehre von sich,Hessen die Geschütze, Fahnen, Vorräthe und Fahrzeuge im Stich. DieKriegs-Operationen im Felde waren im Allgemeinen mehr oder wenigerlangsam, träge, unentschlossen, zaghaft, wurden grösstentheils in derNähe von befestigten Städten ausgeführt (in welchen die Rati und ihreWojewoden Schutz und Zuflucht suchten), häufiger mit getheilten, sogar