Bernerkenswertheste Kriege und Feldzüge. 69H
nommen, die Einwohner niedergemacht, die Kirchen geplündert, dieStadt und Vorstädte niedergehrannt. Und das Alles war nur geschehenin Folge der unverzeihlichen Sorglosigkeit der Wologdaschen Woje-woden Fürsten Odojewski und Dolgoruki: weder Feldwachen,noch Wachen auf den Thtirmen, Mauern und Verschanzungen waren auf-gestellt gewesen, an den Thorwachen nur wenige Leute, die grossenThore nicht einmal verschlossen. Die Tscherkassen aher zogen nachvollbrachter Raubthat mit ihrer Beute davon.
Von der andern Seite her kam aber die Nachricht, dass Chodkjä-witsch Abtheilungen senden und unvermuthet Lebensmittel-Vorräthein die Chinesen-Stadt und den Kreml schaffen wolle. Um ihn nicht ein-zulassen, gaben die Wojewoden nach allgemeiner Berathung den Befehl,dass das ganze Heer Zäune flechten und diese aufstellen, davor abereinen breiten und tiefen Graben an der Sarnoskoworjäzker Halbschanzeausheben sollten, von einem Fluss-Ufer zum andern, — und sie selbstüberwachten abwechselnd alle diese Arbeiten.
Inzwischen hatte um die Mitte des September Posharski an diePolen im Kreml ein Schreiben gerichtet, worin er ihnen mittheilte, dassChodkjäwitsch abgezogen sei und nicht wiederkehre, dass die beiihm gewesenen Tscherkassen gleichfalls abgerückt seien, alle TruppenSapieha's sich in Polen befänden, sie aber, die Belagerten, schreck-lichen Hunger und furchtbare Entbehrungen erleiden würden, und des-halb fordere er sie auf ohne Säumen Männer zu Unterhandlungen herauszu senden, indem er verspreche, diejenigen zu entlassen, welche in ihrLand zurück zu kehren wünschten, und diejenigen anzunehmen, welchein russische Dienste übertreten wollten. Aber die Belagerten gaben einehochfahrende und grobe Antwort, trotzdem die Hungersnoth schon solcheHöhe bei ihnen erreicht hatte, dass sie Menschenfleisch assen!
So ging es bis zum 22. Oktober fort, wo die Kasaken zum Sturmgegen die Chinesen-Stadt schritten und sie eroberten. Im Kreml aberbehaupteten die Polen sich noch einen Monat, und um sich aller über-flüssigen Personen zu entledigen, befahlen sie den Bojaren und allenRussen ihre Kinder aus dem Kreml fortzuschicken. Posharski selbstnahm sie auf und befahl sie unterzubringen, zu versorgen und zu ver-pflegen. Die Kasaken aber empörten sich aufs Neue und waren ergrimmtgegen Posharski, weil er ihnen nicht die russischen Edelleute zuplündern erlaubte.
Endlich, gegen den 22. November hin, traten die durch den Hungeraufs Aeusserste getriebenen Polen in Unterhandlungen ein, indem sienur verlangten, dass man ihnen das Leben lasse, was auch versprochenwurde. Zuerst zogen die russischen Bojaren heraus: Mstislawski,Worotynski, Iwan Nikititsch Romanow mit seinem Neffen Mi-
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte II. 2. 45