Gleichzeitige Nachbar-Reiche und Völker. 251
Wenn ein Lager in der Nähe des Feindes bezogen wurde, so um-gaben die Truppen es mit Wall und Graben, oft auch noch mit einer Ver-zäunung und den in die Erde gesteckten Schilden. Um sich vor plötzlichenUeberfällen zu sichern, stellten sie auf '/ 2 Farsanga (persische Meile ==etwa 4 Werst oder Kilometer) nach vorwärts vor jeder Seite des LagersVorposten und Wachen aus, welche unter sich stete Verbindung hieltenund sich Alles mittheilten, was beim Feinde bemerkt worden war. ImLager selbst war eine besondere Polizei zur Aufrechthaltung der Ord-nung bestimmt.
Bezüglich der Führung des Krieges befolgte Tamerlan sehr weisekriegspolitische Grundsätze, die er seinen Nachfolgern vermachte. Dieerste Kegel war, Nichts durch Waffengewalt zu erstreben, was mandurch Politik erreichen konnte. Vor Beginnen eines Krieges sollten erstdie Beschaffenheit und die Mittel des feindlichen Landes, die bequemen,für Einbruch und Rückzug günstigen Wege erforscht, die Mittel erkanntwerden, um auf die moralischen Kräfte des Feindes einzuwirken. ZurErlangung dieser Art von Nachrichten entsendete Tamerlan friedlicheGesandtschaften, oder Handels-Karawanen, aber auch Korps von leich-ten Reitern auf Kameelen oder Pferden; diese Korps , in das feindlicheLand eindringend, griffen Reisende und Einwohner auf und erfragtenvon ihnen die erforderlichen Dinge. War der feindliche Staat das Opfervon inneren Fehden zweier politischer Parteien oder religiöser Sekten, oderdespotischer Herrschaft, so galt es , die Partei der Schwachen gegen dieStärkeren zu ergreifen, und sich damit die Mittel zur Eroberung desLandes zu erleichtern. Die moralische Kraft seines eigenen Heeres stei-gerte Tamerlan durch mohamedanischen Religions-Fanatismus, zuwelchem Zwecke er bei seinen Armeen stets Geistliche hatte, Priester,Wahrsager, Zeichendeuter u. s. w.
Schliesslich ist noch zu bemerken, dass Tamerlan mit nicht ge-ringerer Kunst als Dschingiskhan es verstand, die Mongolen und diemittelasiatischen Nomadenvölker zu einem Ganzen zusammen zu schmel-zen und sie zu einem ausgezeichnet organisirten und begeisterten Heere zumachen, in sich mächtig und für die Völker Asiens furchtbar, und sie Alle(sogar die Türken) in kriegerischer Beziehung weit übertreffend. Auchverstand er vortrefflich, zur Erreichung seiner Zwecke alle die nationalenEigenschaften der ihm unterworfenen asiatischen Nomaden zu verwerthen.Von Kindesbeinen an ausgezeichnete mit dem Pferde verwachsene Reiter,ausgerüstet mit eminenter Schärfe des Gesichts, Feinheit des Gehörs, anErtragen von Schnee und Kälte, Hunger und Durst, wie an Geduld undUnterwürfigkeit gewöhnt, gewandte Bogenschützen, von natürlichemOrtssinn und Orientirungs-Vermögen, in Benutzung des Terrains wie zumKampf in zerstreuter Ordnung und Führen des kleinen Krieges äusserst