30 III. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjiihrigen Kriege etc.
§. 105.Allgemeiner Rückblick.
Aus dem in den §§. 98 —104 Gesagten geht hervor, dass in den2y 2 Jahrhunderten dieser Periode sowohl die Kriegsverfassung der Staa-ten, Armeen und Truppen, wie die Kriegskunst sich in jeder Beziehungund in allen Zweigen bedeutend entwickelte, am höchsten in der 2. Hälftedes 16. Jahrhunderts und dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Ein-führung der Feuerwaffen trug dazu wesentlich, aber nicht ausschliesslichbei. Es waren viele Ursachen, die zusammenwirkten und die sich im All-gemeinen auf die Fortentwicklung des menschlichen Geistes und derCivilisation in Westeuropa, auf die Wiedergeburt der Wissenschaftenund Künste sowie des ganzen politischen, staatlichen und öffentlichenLebens der Völker Westeuropa's nach der Periode der Barbarei. Ver-wilderung und Desorganisation des Mittelalters zurückführen lassen.
In speziell militärischer Hinsicht machen sich die Erfolge dieserWiedergeburt eben so schnell wie wohlthuend bemerkbar. Besondersgünstig war für sie die Erstarkung der monarchischen Gewalt und dieVerminderung des bisherigen Chaos von Feudalismus und Ritterthum, wel-ches mit dem wahren Fortschritte der Kriegskunst ebenso im Widerspruchgestanden hatte, wie jene Erstarkung diese förderte. Als jene beidenHindernisse wegfielen, nahm die Kriegsverfassung und Kriegskunst einenraschen Aufschwung. Fasst man den Gang dieser Entwicklung ins Auge,so bemerkt man, dass von 1350 —1500, also IV2 Jahrhundert lang dieneu werdende Ordnung der Dinge mit den alten in der Barbarei desMittelalters wurzelnden Verhältnissen im Kampfe liegt, und an diesemKampfe sind alle Elemente der Kriegsorganisation und Kunst betheiligt,— als Theil vom Ganzen auch die neue Feuerwaffe. Nicht ist diesezu betrachten lediglich als ein neues Werkzeug zur Vertilgung des Men-schengeschlechtes , sondern vielmehr als ein leuchtender Fortschritt imKriegswesen, denn die Geschichte zeigt, dass durch sie nicht etwa eineVermehrung, sondern" im Gegentheil eine Verminderung der Uebel ein-getreten ist, welche von Krieg und Kampf unzertrennlich sind, und dassder frühere Kampf mit der blanken Waffe weit blutiger war. Daher sinddie Erfolge der neuen Waffen auch zugleich als solche der neueren Kriegs-kunst anzusehen, und das um so mehr als die neue Waffe notwendigerWeise einen wesentlichen, wenn auch langsamen Einfluss auf alle Theileder Kriegskunst und Kriegsverfassung ausübte. Das macht sich bemerk-bar in der Organisation der Reiterei wie des Fussvolks und deren Kampf-art, in der inneren Organisation der Heere, in dem Bau, dem Angriff undder Vcrtheidigung von Feldschanzen wie von permanenten Befestigungen.