210 III- Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
§. 194.
Allgemeine Bemerkungen über Hannibal als Feldherrn, wie überseine Art und Kunst der Kriegführung.
ludern wir alle Ckarakterzüge und Thateu Haunibal's zusammen-lassen , erkennen wir ihn als selbständigen Feldherren, in der vollenEntfaltung seiner Kräfte und seiner Thätigkeit tritt uns Art und Kunstseiner Kriegführung deutlich vor Augen. Es wird interessant und lehr-reich sein, ihn mit Alexander dem Grossen zu vergleichen und die Aehn-lichkeit wie die Verschiedenheiten der Charaktere, Mittel, Umstände,Lage, Art und Kunst der Operationen Beider nachzuweisen. Vor Allemist hervorzuheben, dass auch Hannibal, ähnlich Alexander dem Grossen,in sich alle aussergewöhnlichen Gaben, Tugenden und kriegerischenVollkommenheiten, sowohl in körperlicher als in geistiger Beziehung,wie in Bezug auf den Charakter vereint.
Ohne, wie es scheint, die Schönheit und die Körperkraft zu be-sitzen, mit welchen Alexander der Grosse begabt war, zeichnete sichdennoch Hannibal. Jenem ähnlich, durch eine aussergewöhnliche Festig-keit des Körpers aus, die ihn im selben Maasse wie Jenen zur Ertragungaller möglichen Wechsel der Witterung, Unwetter, Entbehrungen undStrapazen befähigte. Aber in reiferem Alter, wie auch schon vonfrühester Jugend an, verachtete er die Bequemlichkeiten und Genüssedes Lebens, beobachtete die strengste Enthaltsamkeit und Massigkeit undführte ein einfaches, strenges und thätiges Leben.
Er war, wenn nicht mit einer ebenso feurigen und phantasiereichenSeele wie Alexander der Grosse, dennoch mit einem ebenso grossen,mächtigen und festen, thätigen und unermüdlichen Geiste begabt, undvon denselben erhabenen und edlen Gefühlen beseelt. Gleich Alexander•dem Grossen war er von Natur nicht grausam noch rachsüchtig, auchweder hinterlistig noch treulos, wie aus Hass gegen ihn die Römer undTitus Livius ihm andichteten. Wenn er in dem Kriege in Italien bis-weilen Rachsucht und Grausamkeit bezüglich der Römer offenbarte, sowurde er dazu durch seinen tiefen Hass gegen Rom verleitet, in welchemer aufgewachsen und erzogen war und der seit seiner frühesten Jugendsich sämmtlicher Kräfte seiner Seele bemächtigt hatte. Aber er besassnicht das jähzornige, reizbare Temperament Alexander's, und obgleichauch er keinen Widerspruch, keine Widersetzlichkeit duldete, so ver-stand er es doch weit besser seine Leidenschaften zu beherrschen undseine Gedanken und Gefühle zu verbergen, weder durch Worte nochdurch Zeichen noch durch irgend eine Veränderung seiner Gesichtszügeirgend Jemandem, selbst nicht den ihm am nächsten stehenden Männernsich und seine Empfindungen offenbarend. Diese Herrschaft Hannibal's