27. Der zweite punische Krieg (218-202). ] 45
im Bedürfnissfalle noch mehr zu gestellen. Der Senat sprach diesen Letz-teren in ehrender Weise seinen Dank aus, die Ersteren bestrafte er, in-dem er sie gänzlich ignorirte.
Der Mangel an Geld im Staatsschatze hatte eine solche Höhe erreicht,dass man genöthigt war, die nur für den äussersten Nothfall reservirtenund für gewöhnlich unantastbaren Gelder zu Hülfe zu nehmen, welchenun unter die Consuln und die übrigen Befehlshaber vertheilt, resp. fürdie Lieferung von Kleidungsstücken für die Armee in Hispanien verwen-det wurden.
Vor ihrer Abreise aus Rom kamen beide Consuln dahin überein,dass, während Crispinus mit der einen Armee Campanien besetzen solle,die beiden andern Hannibal beschäftigen würden, und zwar die des Ful-vius in Lucanien. die des Marcellus in Apulien, sodass ihm kein MomentRuhe gelassen und er gehindert werde, sich an Tarent heranzuziehen.Ausserdem beschlossen die Consuln, eine Diversion im Bruttischen selbstzu machen, und befahl demgemäss Fabius dem Präfecten von Rhegium,die in dieser Stadt befindlichen bruttischen Verbannten mit den 8000Schicksalsgenossen aus Sicilien zu vereinigen und sie Alle zur Be-lagerung von Caulonia (h. Castelvetere bei Giojosa) im Bruttischen zuverwenden, um Hannibal zu verleiten zum Entsatz dieser Stadt dorthinzu ziehen.
Man muss den Consuln die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dassdieser ganze Operationsplan sehr geschickt entworfen war.
Hannibal hatte unterdessen in einem Lager bei Canusium (Canossa)gestanden, welche Stadt er einzunehmen beabsichtigte, sowohl um Tarentzu decken, als um wieder nach Apulien gehen zu können, wo er bereitskeine Stadt mehr in Händen hatte. Da beschloss Marcellus ihm näherauf den Leib zu gehen, ihn durch den kleinen Krieg zu beunruhigen undzu ermüden, und wenn möglich ihm eine Schlacht zu liefern und ihn zubesiegen. Demgemäss brach er nach Canusium auf, sobald nur dasFutter auf den Feldern emporkeimte. Hannibal wich dem Kampfe mitMarcellus aus und zog sich aus den Ebenen in das durchschnittene waldigeTerrain auf dem rechten Ufer des Flusses Aufidus (h. Ofanto] zwischenCanusium und Venusia, Marcellus folgte ihm auf der Ferse, stets dichtbei ihm lagernd und ihn zum Kampfe herausfordernd, sobald er nur einLager aufschlug. Hannibal beschränkte sich nur auf Plänkeleien seinesleichten Fussvolks und seiner Reiterei zur Abwehr des Gegners, vermiedeine Schlacht, ward aber endlich doch zu ihr gezwungen. Da er nämlichfürchten musste, bei Fortsetzung seines Marsches auf der rechten Seitedes Aufidus stromauf zwischen die Armeen des Marcellus und des Fulviuszu gerathen, so ging er auf das linke Flussufer hinüber in die Ebenezwischen Asculum (h. Ascoli) und Herdonea. Hier holte ihn Marcellus
Gralitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. I, 3. 10