Druckschrift 
Abth. 1, Das Alterthum Bd. 3 (1875) Vom Beginn des zweiten punischen Krieges bis zum Anfang der Kriege Julius Cäsars in Gallien : (218 - 58 v. Chr.)
Entstehung
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

26. Der zweite punische Krieg (218202). 93

walt, theils durch Einschliessung, theils durch Belagerung zu tiberwälti-gen suchte, wozu er indessen nicht die nothwendigen Maschinen und Ge-räthe hatte. Mit diesen augenscheinlich unwesentlichen Dingen ging dieZeit hin, die doch für beide Theile höchst werthvoll war, für die Römer,um sich zu sammeln, zu organisiren und ihre neuen Armeen auf den Krieg'einzuüben, für Hannibal, um sie hieran zu verhindern und ihnen neueSchläge, einen nach dem andern, zu versetzen. Nachdem Hannibal mitdiesen Unternehmungen die ganze Zeit von der Schlacht bei Cannä biszum Anfang des Winters hingebracht hatte, belagerte er die kleine StadtCasilinum und bezog selbst mit seiner Hauptmacht Winterquartiere inCapua, welches einige Schriftsteller mit dem alten Sodom und Gomorrhagleich stellen. Hatte Maharbal wirklich Recht, als er sagte, dass Han-nibal zwar zu siegen, aber nicht seinen Sieg auszunutzen verstehe? WarCapua in der That das Cannä für seine Armee [Capuam Hanni-bali Cannas fuisse) , wie sich die Römer ausdrückten? Als Antwortdarauf braucht man nur den Namen Hannibal zu nennen. Er,welcher nicht zauderte, das von Hamilkar entworfene, aber in Folgeseines Todes nicht von ihm, auch nicht von dessen Schwiegersohn Has-drubal ausgeführte Unternehmen zur Ausführung zu bringen, er, derbinnen drei Jahren das bis dahin so trotzige Rom an den Rand des Ver-derbens gebracht hatte, hätte das nicht zu Ende führen können und sichmit unbedeutenden Unternehmungen gegen einige Städte befasst, ohned i e a 11 e r t r i f t i g s t e n G r ti n d e ? Das ist so augenscheinlich unmöglich,dass es keines Beweises bedarf. Alles, was in Hannibal's Beginnen nachder Schlacht bei Cannä unklar, dunkel, räthselhaft, unbegreiflich, sogarseltsam erscheint, wird sofort klar und begreiflich, sobald die Hand-lungen , das Verhalten und die gegenseitige Lage der Regierungen vonKarthago und Rom gegen einander verglichen werden, denn damit weistman alsbald jeden bis zur Verwegenheit kühnen Versuch ab, einen so-grossen Mann und Feldherrn, wie Hannibal, nicht allein anzuklagen, son-dern sogar zu verdammen.

In den Handlungen der beiden Regierungen nämlich liegt die ganzeLösung des Räthsels, mit dessen Auflösung die Historiker bald mehrbald weniger sich abmühten, indem sie die Worte Maharbal's oder desTitus Livkis und der übrigen römischen Geschichtsforscher wiederholten.

Es bedarf nur eines Vergleichs der gleichzeitigen Thaten der Regie-rungen von Karthago und von Rom, und Alles wird verständlich. Manmuss nicht vergessen, dass Hannibal nicht der König oder mit absoluterMacht bekleidete und unabhängige Monarch von Karthago war, sondernnur der bevollmächtigte, aber immerhin von der Regierung abhängigeFeldherr. Er hatte sich in Hispanien eine Operationsbasis geschaffen,aber die Hauptbasis für ihn blieb doch immer Afrika: von dorther, und