90 III. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Angüstus 323—30 v. Chr.).
liehen, beigebracht hatte, so tief gedemüthigt und gekränkt, dass sie garnicht wussten, wie sie Hannibal genug dafür herabsetzen und schmähenkönnten. Für sie war dies sehr viel leichter, als ihre eigenen währendder drei Jahre begangenen groben Fehler einzugestehen, die wir oben ge-nügend nachgewiesen haben und unter denen der obenan stand, dass sieeinem solchen Feldherrn wie Hannibal fortwährend nur die unverstän-digsten und unfähigsten aus ihren Mitbürgern entgegenstellten, wieSempronius, Flaminius und besonders Varro, die tüchtigen dagegen,wie Cornelius Scipio und Aemilius Paullus, nicht zu schätzen wussten,ja den weisen Fabius sogar auf alle Weise herabsetzten und kränkten.Nachdem sie alle Völker Italiens einzeln und im ersten punischen Kriegeauch die Karthager durch ihre ausgezeichnete militärische Organisationund Ausbildung, ihre Beharrlichkeit und die Energie ihrer Operationenund ihres Verhaltens, mehr als durch ihre Kriegs - und Feldherrnkunstüberwältigt hatten, erlitten sie jetzt Niederlage auf Niederlage, sobaldsie nur einem so grossen Feldherrn, wie Hannibal, von Angesicht zuAngesicht gegenüberstanden. Und Titus Livius , von seinem National-stolz hingerissen, wagt es noch zu fragen, was wohl geworden wäre,wenn Alexander der Grosse nach Unterwerfung des Ostens seine Waffengen Westen gekehrt hätte und mit den Römern zusammengestossenwäre, unter Anführung eines Papirius Cursor! In der That, das istein Hochmuth, der an Wahnsinn grenzt! Aber um auf die oben bezeich-nete Anschuldigung gegen Hannibal zurückzukommen, so ist zu sagen,dass, wie sehr auch Hannibal's Armee durch den dreijährigen ununter-brochenen und höchst beschwerlichen Feldzug und alle ihre Kriegsthatenerschöpft, und wie üppig auch der Winteraufenthalt derselben in einerso reichen Stadt wie Capua sein mochte, so können doch, sollte manmeinen, die zwölf Jahre währenden nachfolgenden, unvergleichlich müh-seligeren und gefahrvolleren Kriegsthaten derselben zum besten Beweisedafür dienen, dass sie in Capua nicht verweichlicht und nicht corrumpirtwar, trotz aller böswilligen Versicherungen vom Gegentheil, welche dieRömer ersonnen und die neueren Historiker nachgesprochen haben.Kriegsleute — sagt der General Vaudoncourt. mit Recht — wissen zugut, dass eine wohldisciplinirte und gut geführte Armee nicht durch nochso behäbige Winterquartiere verweichlicht und verdorben wird, und dasses keineswegs nöthig ist, sie durch unaufhörlichen Aufenthalt im Lagerden Winter hindurch zu ruiniren, um die Disciplin, den Muth und dieTapferkeit der Truppen aufrecht zu erhalten.
Mit Ende des Winters (schon im Jahre 215) führte Hannibal seineArmee aus den Winterquartieren in Capua und Umgegend nach Casili-num zurück, das noch immer eingeschlossen war, und dessen Besatzungbereits stark vom Hunger litt. Die römische Armee des Dictators Junius