250 II- Vom Anfang der griech.-pers. Kriege bis zum Tode Alexander 's d. Gr.
Merkwürdig schon als der erste in die Ferne gerichtete undlange dauernde Zug einer kleinen griechischen Phalanx, die fastganz ohne Cavallerie war, erregt er gerechtes Erstaunen sowohl durchdie Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen er verbunden war, alsdurch die Geschicklichkeit, den Erfolg und den geringen Verlust, mitwelchen er ausgeführt wurde.
Zwei Hauptursachen hierfür erscheinen in hellstem Lichte: 1) DieUeberlegenheit der Griechen über die Perser und die Völker des Orients>an militärischen Formationen, Disciplin, Ordnung, Geist und Kriegskunst,&— und 2) die hohen persönlichen Gaben und die Kunst des Xenophon.
Kein einziges vielleicht von allen ähnlichen Beispielen der Kriegs-geschichte zeigt in so überzeugender Weise die ganze Ueberlegenheiteines richtig formirten, durch die Fesseln der militärischen Disciplin undOrdnung zusammengehaltenen, von gutem Geiste beseelten, wenn auchkleinen Heeres über einen zahlreichen, aber unwissenden und undiscipli-nirten Feind, — den Triumph der Ordnung über die Unordnung, der In-telligenz über die Dummheit, und der moralischen Kraft über die roheMaterie.
Aber trotz aller seiner Ueberlegenheit wäre das griechische Heervielleicht doch verloren gewesen, wenn nicht Xenophon dagewesen wäre.Durch seine hervorragenden Gaben, seine vortrefflichen Anordnungen,durch Wort und That und seinen ungewöhnlichen Einfluss auf das Heerrettete er es von dem Verderben und führte es siegreich und mit geringemVerluste tief aus dem Inneren Asiens heraus zum Bosporus, er war dereigentliche Grund und Urheber aller durch dies Heer vollbrachten Thaten,aller durch die griechische Kriegskunst bei diesem Bückzuge erreichtenErfolge. Und indem er sich als ein wahrhaft grosser Feldherr und als Ver-vollkommner der Kriegskunst zeigte, erhob er sich auch auf die Höhe einesKriegshistorikers ersten Banges, indem er den Bückzug der 10,000 Grie-chen in seiner Anäbasis beschrieb ^Kopoo avaßaai?, der Zug hinauf,nämlich vom Meere hinauf nach Hochasien), in welcher er mit äusserstermilitärischer Genauigkeit der Darstellung eine ungewöhnliche Einfach-heit, Gerechtigkeit und besonders Bescheidenheit der Erzählung ver-bindet. Ausserdem ist seine Anabasis im höchsten Grade merkwürdigund lehrreich, als ein lebendiges, vollständiges und wahres Bild: 1) derKriegsformationen, Schlachten. Sitten und Gebräuche der Griechen,2) der daraus folgenden praktischen Entwicklung und Vervollkommnungder griechischen Phalanx, Taktik, Kunst der Kriegführung, und Kriegs-kunst überhaupt. Es ist in der That interessant und lehrreich zu sehen,wie im Verlaufe des ganzen Feldzuges, mit jedem Schritte, bei jeder Ge-legenheit, bei jeder neuen Lage der Verhältnisse, unter dem Druck sogar