556 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
genen Feldzügen vmd Kriegen aller Zeiten, Völker und Feldherren ent-lehnt sind. Er bringt sie aber ohne alles System und ohne strenge, bessergesagt ohne jegliche Kritik, indem er sowohl solche Kriegslisten anführt,welche im Kriege erlaubt und eines gebildeten Feldherrn würdig sind,als auch solche, welche im Gegentheil nicht erlaubt und unwürdig sind,indem sie in abscheulichen Verräthereien und feigen Tücken bestehen,welche allenfalls ganz oder halb wilden Völkern, niemals aber denwohlorganisirten Heeren gebildeter Völker und namentlich deren Feld-herren nachgesehen werden können. Es ist richtig, dass Polyänus indem siebenten Buche viele Beispiele von den allerhinterlistigsten Täu-schungen und Listen der Bar baren (asiatischer, afrikanischer und euro-päischer Völker, von nicht griechischer und nicht römischer Abstammung)enthält, und die Vorrede besagt, dass dieses Buch bestimmt sei, zu zei-gen, wozu diese Barbaren fähig seien. Nichtsdestoweniger enthaltenaber auch die anderen Bücher eine Menge von Beispielen ähnlicher Artvon feigen Verräthereien, welche mit unter die Kriegslisten gerechnetwerden. Es ist überflüssig zu sagen, dass eine solche Art und Weise auffalscher Grundidee beruht. »Wenn,« heisst es in einem Werke derneueren Zeit*), »es im Kriege erlaubt wäre, ohne Unterschied alle Mittelzur Erlangung seiner Absichten zu benutzen, so Avürde die Kriegskunst,die Kunst durch Tapferkeit, Vorsicht und Geschwindigkeit den Sieg zuerringen, — sich in eine Schule der grössten Uebelthaten verwandeln.Die Menschen würden sich an den Verrath gewöhnen und sich bald derscheusslichsten Thaten rühmen. Aber es existirt ein Gesetz für die Aus-wahl dieser Mittel und es liegt eine Kluft zwischen List und Arglist. DieEhre und Ehrenhaftigkeit lehren, wo die Grenzlinie zwischen jenenbeiden zu ziehen ist.«
Vergleichen wir nun alle die Werke von F ro n ti n u s und Polyänus,so muss man dasErstere höherstellen als das Letztere, in jeder Beziehung.Das Erstere ist, wie gesagt, von einem Kriegsmann geschrieban, metho-disch und mit mehr Kritik abgelässt (obgleich auch Frontinus nichtimmer den Unterschied zwischen List und Arglist festhält). es trägt einenernsten Kriegscharakter. Das zweite Werk ist von einem Gelehrten,nicht einem Krieger, geschrieben mit grösserer Breite, aber ohne veiyständigen Plan und System, ohne strenge Auswahl und in seltsamemDurcheinander von Wichtigem und Unwichtigem, Nützlichem und Un-nützem, Schädlichem und Tadelnswertbem, im Kriege Erlaubtem und
*) Bibliotheque historique et militaire, publice par Liskenne et Sauvan, T. III.Paris 1840: »Remarques sur Polyen et Frontin«.