252 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
für die kaiserliche Gewalt zu erzwingen vermocht hätte, er trat den West-gothen in Gallien die Provinz der Arverner ab (h. Auvergne). End-lich ernannte er zum magister militum den Orestes, einen geborenenRömer, von Sitten aber Barbar, der sich durch seine kriegerischen undpolitischen Fähigkeiten noch in Attila's Heere ausgezeichnet hatte.Orestes gebrauchte sogleich seine Gewalt gegen Nepos, zwang ihn ander Spitze der meuterischen Truppen zur Flucht, und ernannte für ihnim Oktober 475 seinen minderjährigen Sohn Romulus zum Kaiser.Endlich eines so häufigen Wechsels der Kaiser überdrüssig, forderten diegermanischen Truppen in Italien von Orestes eine feste und dauerndeRegelung ihrer Beziehungen zur Regierung und den 3. Theil von Italienzu ihrer Niederlassung. Auf seine abschlägige Antwort fielen sie vonOrestes ab und wandten sieh an den magister militum, Odoaker, mitdemselben Anliegen. Nun sammelten sich um Odoaker die Schaarender Barbaren aus allen Städten und Lagern Italiens, und Odoaker führtesie nach Pavia, wo Orestes sich vertheidigen wollte. Im August 476 abereroberte Odoaker Pavia, Orestes wurde ermordet, und dann zog derErstere nach Ravenna. Nach Besiegung des Paulus, Bruder desOrestes, nahm er Ravenna und machte daselbst den Kaiser RomulusAugustulus zum Gefangenen, setzte ihn ab und bestimmte ihm deneinstigen Landsitz des Lucullus in Campanien mit einer Pension von6000 Goldstücken jährlich. Dann gab Odoaker seinen TruppenLändereien in Italien zur Ansiedelung, er selbst blieb ihrOberhaupt mit dem Titel eines Königs von Italien, währendder ihm vom Oströmischen Hofe gegebene Titel eines römischen Pa-triziers ihm gesetzliche Gewalt auch über die römische Bevölkerungvon Italien verlieh. Uebrigens hörte der Titel eines Kaisers desWeströmischen Reiches und damit auch dieses Reichselbst eigentlich erst mit dem Tode des Nepos (4. Mai 480)zu existiren auf. welch' Letzterer sich über 3 Jahre in Salona aufhielt.