212 IV. Von Aügüstus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
Obgleich die eigentliche Geschichte der Slowenen oder Slawenerst mit dem 6. Jahrb. beginnt, so liegen doch die Anfänge der Ge-schichte ihrer Namenseltern und Begründer, der Scythen und Sar-maten, der politischen sowohl als der Kriegsgeschichte, viel weiterzurück, und in den ersten 5. Jahrh. n. Chr. erlangt diese Geschichte einebesondere Wichtigkeit, sowohl hinsichtlich der Zerstörung des West-römischen Eeiches durch die nördlichen Völker, als auch in Bezug aufdie weitere Geschichte der Slowenen oder Slawen und der ganzen slawi-schen Welt. Wir wollen daher, nachdem wir dieselbe in Kürze nachden Darstellungen der griechischen und römischen Historiographen be-trachtet haben, sie jetzt noch ebenso kurz auf der Grundlage der letztenErforschungen der neuesten historischen Kritik darstellen. Um hierbeiWiederholungen und Miss Verständnissen vorzubeugen, wollen wir dieobengenannten gleichem Stamme angehörenden Völker des östlichenEuropas mit dem letzten ihnen gemeinsamen und sie alle umfassendenNamen Slawen bezeichnen, obgleich derselbe eigentlich nur in denBüchern steht, nicht aber der wirkliche ist. Im Alterthum schrieb undsprach man Slowenen, Sloweni, von Slowo (das Wort), und nichtvon Slawa (der Ruhm)*), und legte diese Bezeichnung den Donau-stämmen dieses Volkes bei. Die alten griechischen und römischenSchriftsteller übersetzten sie mit R k e t i, von dem griechischen r h e t o n— das Wort. Als die Donau - Slowenen durch die Römer unterworfenworden waren, romanisirten die nach Italien geschleppten Gefangenenihren Namen in S c 1 a v i, — Sklaven. Je mehr aber die geographischeBekanntschaft mit dem Osten und Norden Europas sich im Westen aus-breitete , desto mehr wurde von Griechen und Römern die BezeichnungSclavi, Sclavini, Sthlavi, Sthlavini über alle Völker Ost-europas, welche eine der Sprache der Slowenen an der Donau mehr oderminder gleiche Mundart redeten, ausgedehnt. So bildete sich der ge-meinsame Sammelname: Sclavi, Slavi. Im Allgemeinen ist aber zubemerken, dass Griechen und Römer die Slawen weniger unter diesemgemeinschaftlichen, als unter den verschiedenen besonderen Namenkannten, unter welchen der im 4. und 5. Jahrh. vorherrschende der derV e n e t i oder V e n e d i war (Herodot: G e n e t i). Plinius und Tacitusthun der um die Weichsel wohnenden Venedi Erwähnung, derGeograph Ptolemäus nennt das Baltische Meer — den venedischenMeerbusen. Mit dem Namen V enedi bezeichneten die Römer ge-wöhnlich die baltischen und adriatischen Slawen, von welchen dieErsteren ihnen schon längst durch den Handel mit Bernstein bekannt
*) Der Slawe nennt sich »den sprechenden«, den Deutschen dagegen Njeraetz,»den stummen«. Anmerk. d. Uebera.