56. Milit. Organisation, Einrichtungen u. Kriegskunst im röm. Kaiserreich etc. 181
Constantin d. Gr. verminderte die Anzahl der Truppen erheblichgegen früher; aber der Verfall der sittlichen Kräfte im Volke machte esmehr und m'ehr unvermeidlich, dass Barbaren in das römische Heer auf-genommen wurden. deren Zahl in dem Etat der Legionen nicht allein,sondern auch der Hülfstruppen sich unablässig vermehrte. Seit Con-stantin d. Gr. begannen bereits die Christen den Haupttheil des römischenHeeres zu bilden, und bei der Aushebung, wie bei der Thronbesteigungder Kaiser, wie an den kaiserlichen Geburtstagen und der Feier derDecennalien (Sacra decennalia) , d. h. ihrer zehnjährigen Regierung,schwuren die Truppen nicht nur den Eid gleichen Inhalts wie vordemzur Zeit des Augustus, sondern schwuren im Namen der heiligen Drei-einigkeit und der Kaiserlichen Majestät. Constantin d. Gr. vermehrte dieAnzahl der militärischen Befehlshaberstellen und Personen, stellte derengegenseitige Abhängigkeit und Unterstellung fest auf Grund neu ein-geführter Rangbezeichnungen und ordnete sie den verschiedenen höchstenStaatsverwaltungen (Ministerien) unter, welche sich in der Person desKaisers vereinigten. So war die ganze oberste Militärverwaltung unter-stellt den beiden Obersten des Fussvolks und der Reiter [Ma-gistri peditum et equititm) und den beiden Befehlshabern derGarde zu Fuss und zu Pferde [Comites Domesticorum pedi-tum et equitum).
Die von Diocletian und Constantin d. Gr. vorgenommenen Neuge-staltungen hatten einen entscheidenden Einfluss auf die militärische Or-ganisation des römischen Reiches. Bis jetzt hatte der Kriegerstand nochals der ehrenvollste und einträglichste im Staate gegolten um der aus-gedehnten Rechte und Vorzüge willen, welche das Heer besass, um derreichen Besoldung willen, welche es empfing, wegen seiner schranken-losen Macht und gesetzlosen Willkür. Aber von dem Moment an, wo erdieser Rechte und Vortheile entkleidet, einer strammen militärischenOrdnung unterworfen und schweren Dienst zu thun verpflichtet war,wollte Niemand mehr in demselben dienen, und Jedermann zog denleichteren, vortheilhafteren und angeseheneren Staats- und besondersHofdienst vor. Daher kam es, dass bei dem gänzlichen Verfall der physi-schen und moralischen Kraft des Volkes und dem schlechten, nur aufWucher bedachten Verhalten der Werber, nach des Vegetius Worten:so untaugliche Leute für das Heer angeworben wurden,dass die Bürger sie nicht einmal hätten zu Sklaven habenmögen. Um den unaufhörlichen und unzähligen Desertionen vorzu-beugen und sie zu verhindern, wurden die Rekruten wie Verbrecher ge-stempelt (gebrannt) und die militärischen Züchtigungen verstärkt. Daaber diese Mittel bei weitem nicht ausreichten, um die Truppen in dergehörigen Verfassung zu erhalten, und zugleich die Bevölkerungszahl im