118 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
aber plünderte der rasende und tobende Pöbel die Vorräthe der Wohl-habenden und selbst die Tempel und vollführte die grässlichsten Frevelund Gewalttaten. Aber an Uebergabe wagte Niemand auch nur zudenken bei Strafe qualvollen Todes. Ein nicht weniger grausames Ge-schick ereilte die sich ins römische Lager rettenden Jaden; das Gerücht,sie hätten aus Geiz ihr Geld und ihre Schätze heruntergeschluckt, be-wog die habgierigen Syrier und Araber, an 2000 Juden heimlich um-zubringen und ihre Eingeweide zu durchwühlen! Etwa ebensoviele ge-fangene Juden wurden Angesichts der Stadt an's Kreuz geschlagen.
Inzwischen aber hatten die Römer ihre Belagerungsarbeiten bis andie Burg Antonia selbst geführt und bereiteten sich zum Sturm vor. Derin der Burg befehligende Judas war zur Uebergabe bereit, aber SimonBar-Gioras ermordete ihn, stürzte sich auf die angreifenden Römer, warfsie nach furchtbarem Kampfe zurück, und zerstörte einen Theil ihrerHolzarbeiten. Noch zweimal erneuerte Titus danach, aber vergeblich,den Sturm, endlich gelang es ihm, sich durch nächtlichen Ueberfall derBurg zu bemächtigen. Bei ihrem weiteren Vordringen gegen den Tempelwurden die Römer indessen durch den verzweifelten Widerstand derJuden aufgehalten. Nachdem er die Burg zur Erleichterung des Vor-rückens gegen den Tempel hatte zerstören lassen, forderte Titus nocheinmal zur Uebergabe auf. Viele der Bewohner ergaben sich ihm, diegrösste Mehrzahl jedoch setzte die Vertheidigung fort, entschlossen, mitihren Heiligthümern unterzugehen. Nun wählte Titus die tapferstenKrieger aus und befahl ihnen, unter Führung des Tribunen Cerealis beiNacht durch einen geheimen Gang in den Tempel einzudringen, währenddie übrigen Soldaten den Damm bauten und die Widder heranführten.Ein furchtbarer Kampf entbrannte: die Juden legten Feuer an dienächsten Gebäude, traten dem Cerealis tapfer entgegen und zwangen dieRömer trotz aller Anstrengungen umzukehren Titus wünschte um jedenPreis den prächtigen Tempel Salomonis zu retten, da er aber die ver-zweifelte Ausdauer der Vertheidiger und die Ohnmacht des Mauer-brechers gegen die massiven Mauern und Terrassen des Tempels er-kannte, entschloss er sich, die Thore anzuzünden, und so drangen end-lich die Römer in den Hof ein. Hier setzte sich bei den Flammen derFeuersbrunst das wüthende Gemetzel fort. Die Juden warfen sich aufdie Römer, welche sie angriffen und zugleich auf Titus' Befehl das Feuerzu löschen bemüht waren, und trieben sie so in die Enge, dass trotz desTitus' Verbot, einer derselben eine brennende Fackel in das Innere desTempels selbst schleuderte. Die Flamme ergriff rasch das ganze Ge-bäude, welches bis auf den Grund niederbrannte; einige tausend Judenkamen in den Flammen um, sie hatten in enthusiastischem Fanatismusden Tod im Tempel gesucht (4—5. August). Ueber den rauchenden und