47. Lebensende Cäsar's, allgemeine Betrachtungen und Schlüsse. 319
Nachdem er in den Senat getreten war und seinen Sitz eingenommenhatte, umgaben ihn die Verschwörer von allen Seiten, scheinbar um dieBitten des Tullius Cimber zu unterstützen, welcher um Begnadigung sei-nes Bruders bat, und da Cäsar dies abschlug, führte Casca zuerst einenDolchstoss gegen Cäsar's Nacken. und nun zückten auch die übrigenVerschwörer ihre Dolche. Als Cäsar unter ihnen auch den Marcus Bru-tus erblickte, rief er ihm auf griechisch zu: xai au texvov (auch du, meinSohn!). — Dies waren seine letzten Worte ..... Den Tod als unvermeid-lich erkennend, verhüllte er sein Haupt mit dem Mantel, sprach keinWort mehr, machte nicht die geringste Bewegung sich zu retten, undsank, von 23 Dolchstössen durchbohrt, entseelt zu Füssen der Statue sei-nes einstigen Nebenbuhlers Pompejus nieder*) . . .
So endete Cäsar am 15. März 44 im 56. Jahre seines Lebens . . .
Von allen neueren Schriftstellern, welche über Cäsar's Tod urthci-len, betrachtet Napoleon I. in seinem Werke: Precis des guerres de Cesar,denselben von einem besondern und wegen der Persönlichkeit Napoleon'shöchst interessanten Gesichtspunkte. Ueber Cäsar's Kriegsthaten undOperationen als Feldherr ziemlich strenge, wenngleich meist gerechturtlieilend, spricht er sich über Cäsar als Staatsmann und namentlichwährend der letzten sechs Jahre seiner lebenslänglichen Dictatur sehrnachsichtig aus. Er billigt die politischen Handlungen Cäsar's voll-kommen, meint, dass er nicht anders habe handeln können und dürfen;ausführlich und unwillig widerlegt er durch viele Facta den Gedanken,als habe er König werden wollen, stellt entschieden in Abrede, dassderselbe jemals auch nur daran gedacht habe sich zumKönig zu machen [ilriajamaispense ä se faire roi) wie es die Ver-schwörer und deren Anhänger zur Rechtfertigung ihres feigen undunpolitischen Mordes [lache et impolitique assassinat) versicherten,was eine offenbare Abgeschmacktheit und Verläumdung gewesen sei, dieallerdings von Mund zu Munde gegangen und heute (d. h. zur Zeit Na-poleon's) als historische Thatsache gelte, u. s. w.
Diese, von der allgemein bestehenden so abweichende Ansicht Na-poleon's I. über diesen Gegenstand, wird hier ohne alle Commentare an-geführt. Ein Jeder möge selber beurtheilen, in wie weit die Meinungdes Cäsar der neueren Zeit über die Absichten des Cäsardes Alterthums wahr sein und welches die inneren geheimen Beweg-gründe zu der Darlegung dieser Meinung gewesen sein können.
*) Die ausführlichste und glaubhafteste Erzählung von der Ermordung Ciisar'sfindet sich bei Sueton (in Caes. cap. 82).