40. Allgemeiner Ueberbliek über den Krieg Cäsar's in Gallien. J 57
Ueber seine Armee in Gallien kann man sich nur mit wahrer Be-wunderung und höchster Achtung äussern. In allen ihren Stufen, von derhöchsten bis zur niedrigsten Offiziersstelle and zum gemeinen Soldatenwaren ihre Krieger durch ausgezeichnete kriegerische Eigenschaften:taktische Organisation und Ausbildung, Fähigkeit zu Bewegungen undOperationen aller Art, Ausdauer in Mühen und Entbehrungen, Zähigkeitund Tapferkeit im Kampfe, Muth und Anhänglichkeit, Verehrung undVertrauen zu ihrem geliebten Führer, ein wahres Muster, zumal indieser unruhigen Zeit Roms, das bereits in jeder Beziehung aufs Aergstecorrumpirt war! Und so mächtig wirkte der Einfluss Cäsar's auf seineArmee, dass nicht nur die römischen Legionare, sondern auch die andernSoldaten jeder Gattung und jedes Stammes, die gallischen wie die ger-manischen und die andern den Legionaren nicht nachstanden in den obengenannten vortrefflichen Eigenschaften, in Ergebenheit und Zutrauen zuCäsar. Wahrlich, er konnte mit Recht sagen, dass er mit solchen Trup-pen den ganzen Himmel umzukehren vermöge!
Seine Gegner, die Gallier, Germanen, Britannier und deren Führer,Vercingetorix, Ariovist, Cassivellaunus, kann man mit vollem Rechte sei-ner würdige Gegner nennen. Vergebens sprechen einige neuere Kriegs-schriftsteller mit einer Geringschätzung, ja selbst Verachtung vonihnen, wie sie Cäsar selbst keineswegs hegte. Mögen jene Völker wildeoder halbwilde Barbaren gewesen sein (die Gallier kann man keines-wegs halbwild nennen), dennoch verdienen sie und ihre Operationenvolle Anerkennung. Seit undenklichen Zeiten freie unabhängige Völker-schaften, die ihre Freiheit und Unabhängigkeit über Alles hoch schätz-ten, haben sie muthig und tapfer, ohne irgend ein Opfer zu schonen,standhaft für jene Güter und für ihr Vaterland gestritten gegen die römi-schen Welteroberer, welche von Allen gefürchtet, noch mehr aber ge-hasst wurden. Ihre natürlichen und edlen Beweggründe standen indieser Hinsicht trotz aller UnVollkommenheit ihrer Kriegskunst, hochüber den eigensüchtigen treibenden Gründen Cäsar's (nicht seiner Armee,"die nur sein gefügiges Werkzeug war) trotz aller seiner Ueberlegenheitan kriegerischer Begabung und Kunst.
Aus diesen zwei entgegengesetzten Richtungen und Beziehungenlässt sich auch der allgemeine Charakter wie das Gesamiutresultat desgallischen Krieges erklären und begreifen. Die natürliche durchaus be-rechtigte, starke sittliche Erregung oder Entrüstung der Gallier undeines kleineren Theiles der Germanen und Britannier neben der unge-wöhnlichen Anspannung ihrer materiellen und moralischen Kräfte, abernur der rohen Kraft, nicht geleitet durch einmüthiges Zusammenhalten,noch durch regelrechte Kunst, musste früher oder später unvermeidlicheiner ebenso ausserordentlichen Kraftanstrengung und moralischen