88 III. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
eine Brücke und marschirte nun am linken Ufer liinab nach Lutetia. Diegeängsteten Einwohner dieser Stadt züudeten sie an, zogen sich auf dasrechte Ufer zurück und brachen die Brücke hinter sich ab. Labienus.dem von allen Seiten die übertriebensten Nachrichten von dem allgemei-nen Aufstande der Gallier und der gefährdeten Lage der römischenTruppen zugingen, erkannte ganz richtig, dass unter diesen Umständenes für ihn nicht darauf ankam, den Galliern eine Niederlage beizubrin-gen oder Eroberungen zu machen, sondern vielmehr darauf, sein Corpszu erhalten und es intact nach Agendicum zurückzuführen. In dieserAbsicht liess er Scheinanstalten zu einem Uebergange über die Sequanaoberhalb Lutetia treffen, brach aber in der Nacht nach unterhalb auf,warf mehrere gallische Corps zurück und zersprengte dieselben schliess-lich mit grossem Verluste auf ihrer Seite. Dann zog er ungehindert bisAgendicum, wo er sich bald darauf mit Cäsar vereinigte. Alle diese Ope-rationen des Labienus beweisen, dass er ein erfahrener und geschickterHeerführer war, und gereichen ihm billig zu vollem Lobe.
Inzwischen waren die den Römern zuvor so ergebenen Aeduer jetztderen Hauptfeinde geworden und hatten den Vercingetorix und die An-führer aller gallischen Stämme zu einer allgemeinen Versammlung nachBibracte (heute Autun) herbeigerufen, wo nur die den Römern treuen Lin-gonen (Langres) und Remer (Rheims), und die mit den Germanen imKriege liegenden Trevirer nicht vertreten waren. Hier wurde Vercinge-torix zum Oberfeldherrn sämmtlicher Gallier ernannt (zum grössten Miss-vergnügen der Aeduer, welche diese Ehre für einen von ihren Lands-leuten beansprucht hätten). Vercingetorix forderte von den Galliern Gei-seln, 15,000 Reiter, ausserdem sollten sie ihre Wohnungen und Felderden Flammen übergeben ; die Aeduer mussten 10,000 Mann Fussvolk stel-len, welche er nebst 800 Reitern zu den Allobrogern (in Savoyen undDauphine) schickte, um sie durch das Versprechen der Unabhängigkeitzum Aufstande zu bewegen; den Arvernern endlich (Auvergne) und be-nachbarten Gabalern trug er auf, den südlichen Theil von Gallien (Rou-ergue, Quercy und Bas-Languedoc) zu verwüsten.
Die Allobroger stellten längs des Rhodanus eine dichte Postenketteauf und beschützten durch ihre Wachsamkeit ihr Gebiet. In demselbenstanden im Ganzen nur 22 Cohorten frisch ausgehobener römischer Trup-pen unter dem Befehl des Legaten L. Cäsar. Ihre geringe Zahl und diedrohende Gefahr veranlassten diesen Legaten, sich um Hülfe an dieüberrheinischen Germanen zu wenden, von denen er etwas schlechte Rei-terei und leichtes Fussvolk erhielt. Er befand sich in einer sehr schwie-rigen und gefährlichen Lage, rings von überlegenen Kräften der Gallierumgeben und nicht allein von Italien, sondern auch von der römischennarbonensischen Provinz abgeschnitten. Dennoch gelang es ihm, sich