562 DIE PROZESSE UND DIE GESTÄNDNISSE
er zwei Tage später, am 21. April, in den Signorenpalast vorge-laden, um Zeugnis über seinen bisherigen Meister abzulegen. DieAussagen, die er hier machte, waren das getreue Spiegelbild seineszerrissenen, zwischen heißer Verehrung für den frommen Ordens-mann und Prediger und tiefster Entrüstung über den arglistigenBetrüger hin und her schwankenden Herzens. „Ich war", bekannteer 111 , „sein Schüler und genoß seinen Unterricht, und überdies warich ihm bei der Reinschrift seiner Werke, besonders des Buchesvon der Einfalt des christlichen Lebens behilflich. In den erstenZeiten schrieb ich auch einen großen Teil seiner Briefe, die eran Mönche, Vorgesetzte, Klöster oder an den Ordensgeneraloder an den Grafen von Mirandola in Angelegenheiten vongeringer Wichtigkeit richtete, denn sehr wichtige Schreibenbesorgte er selbst oder übertrug sie dem Bruder Domini-kus. Ich begleitete ihn in die Predigt und verwahrte denMantel, den er nach der Predigt, in Schweiß gebadet, anzuziehenpflegte. Ich war fast immer um ihn und leistete ihm verschie-dene solchen Oberen nötige Dienste. Ich ging mit ihm nachPisa, Lucca, Pistoja und Prato, verliebt in seine Lehre und inseinen musterhaften Wandel. Seit etwa 2 bis 3 Jahren befaßteich mich jedoch nicht mehr mit seinen Angelegenheiten und be-sonders mit seinen Briefen, die Bruder Nikolaus von Mailand ver-faßte. Im Gehorsame predigte ich auch, aber niemals überPolitik, sondern immer nur über das Evangelium, niemals wurdemir von ihm zugemutet, so oder so zu predigen. Ich legte dieHeilige Schrift nach den Vätern aus und deutete auch viele Bilderdes alten Bundes in seinem Sinne. Ich trat auch für die Ungültig-! keit des Bannes ein und bewies sie, wie mir damals schien, mittriftigen Gründen, indem ich von der falschen Voraussetzung aus-ging, der Frate sei Gottes Gesandter. Das tut mir jetzt leid, undes reut mich, ich bat auch bereits um Lossprechung. Ich erbotmich, ins Feuer zu gehen, und hätte dies auch ohne Besinnen ge-tan, wenn er es von mir verlangt hätte. Wie ich jetzt einsehe,wäre ich dabei freilich verbrannt, wenn mir Gott nicht um meinerRechtschaffenheit, Unschuld und reinen Absicht willen Barm-herzigkeit erwiesen hätte. Beim Beichthören kümmerte ich michnur um Gewissensfragen. Der Frate und seine beiden Genossenmuteten mir auch niemals zu, hierbei politische Dinge zur Sprachezu bringen, noch hätte ich mich je dazu herbeigelassen. Ich ver-