4g6 DIE FÜRSTENBRIEFE
zum Beweise seiner Unschuld vorgebrachten Gründe unberück-sichtigt lasse und vielmehr seinen Gegnern Gehör schenke. Erkönne sich daher auch für die Zukunft keine Hilfe von ihm ver-sprechen. Der Papst möge auf das Heil seiner "Seele bedachtsein 140 . Nunmehr hatte für den Frate aber auch die Stunde ge-schlagen, an die Verwirklichung des Schrittes zu denken, den erwiederholt in Aussicht gestellt hatte — den Ruf anzustimmen:„Lazarus, komm heraus!" und das „Schlüsselchen" (chiavetta)anzustecken, d. h. ein Konzil zur Feststellung der Unrechtmäßig-keit Alexanders VI. anzuregen. Er beabsichtige daher, die christ-lichen Fürsten des Abendlandes, den Kaiser sowne die Könige vonFrankreich, Spanien, England und Ungarn zur Einberufung einerallgemeinen Kirchenversammlung aufzufordern. Natürlich ver-traute er besonders auf Karl VIII., der sich ja schon 1494 beiseinem italienischen Zuge mit Konzils- und Reformplänen ge-tragen hatte und, wie soeben bestimmt verlautete, im Begriffe stand,mit bewaffneter Hand zurückzukehren. Vom Kardinal Peraudvon Gurk 141 wußte er, daß der Kaiser für solche Gedanken un-schwer zu gewinnen wäre; hieß es doch schon im August 1496 inFlorenz, Maximilian wolle den Papst vor ein Konzil laden 142 . Auchsonst war bekannt, daß er mit einer Absetzung des Papstes und miider Reform des Klerus umgehe, wenn er auch mit derlei Plänenmehr spielte, als Ernst machte 143 . Daß Ferdinand und Isabella 144auf den römischen Hof und seine Verlotterung schlecht zusprechen waren, wußte alle Welt.
Natürlich vertraute der Prophet besonders auf die Unter-stützung durch Kardinäle. Vor allem baute er auf denKardinal Garaffa von Neapel, der, ein frommer, der Re-form aufrichtig zugetaner Prälat, auch seine Amtsbrüder mitsich fortreißen sollte 145 . Julian della Rovere, der Borjas grimmig-ster Feind, bedurfte ohnehin keines Ansporns und hatte ihm seineBereitwilligkeit zum Konzil bereits brieflich erklärt. Der KardinalBrissonet von S. Malo hatte ihn (1495) in S. Marco aufgesucht undüber die Reformbedürftigkeit der Kirche mit ihm gesprochen.Ebenso war der Kardinal Peraud bei ihm in S. Marco gewesen(1496) und hatte sich über den Papst nichts weniger als schmei-chelhaft geäußert 146 . Der Kardinal Orsini war verkleidet nachS. Marco gekommen; auch zu den Kardinälen Costa von Lissabonund Sangiorgio stand er in guten Beziehungen. Um den Boden