ZWEITE VERBRENNUNG DER „EITELKEITEN" 481
gnacci Miene machten 86 . Sobald die Prozession angelangt war,wurde die Pyramide unter Glockenklang, Trompetenschall und An-stimmung des „Te Deum laudamus" in Brand gesteckt. Der Zugkehrte dann in den Dom zurück, sang hier Lauden 67 und brachtedie Stadt Gott zum Opfer dar. Die eingegangenen reichen Almosenwurden an die Beamten von S. Martin abgeliefert. Vor S. Marcoendlich führten die Mönche dieses Klosters in Gemeinschaft mitden Laien drei Reigen auf: den ersten die Novizen mit den alsEngel gekleideten Knaben, die beiden anderen die jüngeren undälteren Brüder mit jüngeren und älteren Bürgern 08 , während derFrate dem frommen Schauspiele vom Kloster aus zusah. Es warder letzte Sonnenblick seines Lebens, und selbst der blieb nichtungetrübt. Denn die Prozession war auf mannigfachen Wider-stand gestoßen. Die Compagnacci, etwa sechzig an Zahl, hattensie mit Steinen beworfen, den Kindern die Kreuzchen aus denHänden gerissen und angespuckt, ja sogar tote Katzen und anderenUnrat unter die Gläubigen geschleudert 69 . „Nun seht ihr es selbst,"bemerkte der Frate in der Predigt des folgenden Tages 70 , daß dieGottlosen schlimmer als die Türken geworden sind, denn sie habensich übler als Türken und Heiden benommen."
Die Nachricht von der Wiederaufnahme der Predigt durch denFrate verbreitete sich mit Windesschnelle über ganz Italien, undauch die Predigten selbst gingen von Hand zu Hand 71 . Schon amSonntage Quinquagesima hatte er einen Brief von einem auswär-tigen Freunde in Händen, der die beiden letzten Predigten be-reits gelesen hatte und darüber urteilte, wer an dieses Werk nochimmer nicht glaube, der sei kein Christ. Selbst aus Deutschlandwaren zustimmende Briefe eingetroffen 72 . Die Zehn von Florenzwaren der Meinung, die Tätigkeit des Frate übersteige die natür-lichen Grenzen 73 . Bei den feindlichen italienischen Mächten je-doch erregte sein Auftreten, das man hochmütig, verwegen undrücksichtslos fand, ein mit unverhohlener Schadenfreude gemisch-tes Erstaunen 74 . Selbstverständlich war der Heilige Stuhl durchEilboten sofort über alles unterrichtet worden 75 , und da verschie-dene Kardinäle, besonders aber der venetianische Gesandte, dieDinge überdies noch stark übertrieben, so war es kein Wunder,daß Alexander VI. wie über die Predigt an sich, so über ihrenInhalt, und besonders auch über die Absetzung des GeneralvikarsMedici aufs äußerste aufgebracht war und sich von Stephan Ta-
31 Schnitzer, Savonarola