DIE LIEBESPFLICHT BRÜDERLICHES ZURECHTWEISUNG 479
die ganz besonders dann zu Recht bestehe, wenn es sich um die ?sittliche Rettung eines ganzen Volkes, ja der gesamten Kirche fhandle. Wer nun aber für die Gültigkeit des Bannes eintrete, der'leugne die von der Kirche gelehrte Pflicht der correctio fraternaund sei deshalb ein Ketzer. „0 Frate, wenn der Bann nicht gilt,warum hieltest du ihn dann und schriebest um Lossprechung?"„Ich hielt ihn nicht, sondern feierte jeden Tag die Messe. Wennich um Lossprechung nachsuchte, so geschah es um des Ärger-nisses der Schwachen willen; gleichwohl schrieb ich nie so, wieman es in Rom gewünscht und erwartet hätte." „O Frate, es istja wahr, daß der Bann nicht gilt, aber wir fürchten uns vor demVerluste unserer Pfründen." „Liebst du also deine Pfründe mehrals Christus?" „O Frate, jene Priester und Mönche wollen unsnicht beichthören und unsere Verstorbenen nicht beerdigen."„Kehre dich nicht daran, an Beichtvätern fehlt es dir gleichwohlnicht. Ich kümmere mich nicht darum, was mit mir geschieht,wenn ich gestorben bin. Binde mir einen Strick an den Fuß undwirf mich in den Arno. Kurz, macht euch nicht so viele unnützeSorgen und tröstet euch mit dem Bewußtsein, daß Christus undseine Engel mit euch sind!"
In der dritten Predigt, am Sonntage Quinquagesima, 25.Februar,machte sich der Frate über die zarten Gewissen der geistlichenPharisäer lustig, die sich vor dem Banne fürchteten, aber ihreKebsen und Lustbuben bei sich behielten, und zwar Wucherernsowie solchen, die zehn Pfründen auf einmal besaßen, die Los-sprechung gewährten, sie aber armen Weiblein verweigerten, diezu ihm in die Predigt kamen. Wieder waren die Hörer wenigergeworden, und er war darauf gefaßt, daß sie noch mehr abnehmenwürden. „Wollt auch ihr mich verlassen?", rief er den noch Ge-treuen zu, und wie Christus durch Petrus ließ er sich antworten:„0 Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigenLebens!" (Joh. 6, 68 f.). „Ich will," kündete er den Gläubigen zu-gleich an, „daß wir übermorgen, am Faschingstage, alle zusammeninständig beten, und dann nach der Messe will ich das Sakramentin die Hand nehmen, und jedermann flehe dann inbrünstig zuGott, er möge, wenn diese Sache von mir ist und ich euch täusche,ein Feuer vom Himmel senden, das mich in die Hölle verschlinge;ist sie aber von Gott, so möge er die Entscheidung beschleunigenund ein Zeichen geben, daß sie sein Werk sei. Laßt also überall
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