DER ZWECK HEILIGT DIE MITTEL NICHT 461
so doch um feine Selbsttäuschung. Aufs entschiedenste verwahrter sich gegen den Gedanken, als könne ein guter Zweck dieschlechten Mittel heiligen, und als greife er etwa in der frommenAbsicht zur List, das Volk im Prophetenmantel leichter zur Sitt-lichkeit zu bekehren. Auch nicht um der höchsten Güter willendarf man, erklärte er, das geringste Böse begehen; auf der Kanzelaber wissentlich die Unwahrheit sagen, wäre ein unverzeihlichesVerbrechen. „Schon als Kind hatte ich-meinen Sinn auf die Wahr-heit gerichtet, mit zunehmenden Jahren verdichtete sich diese Ge-sinnung immer mehr. Ewigen Krieg habe ich der Lüge geschworen,und je mehr ich meinem prophetischen Berufe lebe, desto mehrentbrennt in mir der Hunger nach Wahrheit, — kann denn nunmeine Predigt der Ausfluß schnöden Betruges sein? Wie in mirselbst, so entfaltet sie auch in anderen die wohltätigste Wirkung.Dem Verbände von S. Marco gehören 250 Mönche an, Leute ausden besten Familien, von denen manche in Staat und Kirche hoheÄmter bekleideten und noch nach meiner Exkommunikation inden Orden eintraten. Sie alle führen ein zurückgezogenes, ent-sagungsreiches Leben, beten unaufhörlich und suchen nichts alsdie Wahrheit, bereit, gleich mir für meine Lehre in den Tod zugehen; — kann denn nun Gott, der uns mit unaussprechlichenSeufzern zu beten lehrt (Rom. 8, 26), unser Gebet unerhört lassen?Wo wäre denn da seine Güte? Zeigt die Predigt nicht auch unterden Laien die herrlichsten Wirkungen? Spricht nicht Christus:,An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen' ? (Matth. 7, 16). Sindes nicht umgekehrt gerade die offenkundigsten Sünder, die meineLehre am heftigsten verfolgen? Allerdings erhob sich erbitterterWiderstand gegen mich. Allein die Haltlosigkeit der wider michgerichteten Anklagen erhellt schon aus ihrem inneren Wider-spruche, da mich die einen für einen zwar rechtschaffenen, abereinfältigen, in Wahnvorstellungen befangenen Menschen, die an-deren aber für einen schlauen Verführer halten. Zu den Wider-sachern zählt namentlich ein gewisser Samuel, gegen den aber derGraf Johann Franz Pico in die Schranken trat, wider anderewandte sich der Minorit Georg Benigni, der in Philosophie undTheologie seinesgleichen sucht, ferner der fromme KanonikusDominikus Benivieni sowie der gelehrte Johannes Nesi, einMönch, ein Priester und ein Laie. Meine Predigt umfaßt zweiHauptstücke: Die Verteidigung der christlichen Glaubens- und