DER AUFRUHR AN CHRISTI HIMMELFAHRT 409
Augen auf S. Marco gerichtet. Eine ungeheure Spannung hattesich aller Gemüter bemächtigt. Wird er predigen? Wird er nichtpredigen? Das war die Frage, die auf allen Lippen lag 121 undvon den Arrabbiaten ebenso fest verneint wie von den Frateschenbejaht wurde. Man schloß hohe Wetten ab, welche die Signoriejedoch für ungültig erklärte 122 . Einige Mitglieder der Signorieließen den Propheten bitten, von der Predigt, um allen Unruhenund Unannehmlichkeiten vorzubeugen, freiwillig abzustehen. Alser diesen Vorschlag seinen Freunden unterbreitete, erwiderten sie,,wenn er selbst sich nicht fürchte, so möge er sich nicht abhaltenlassen 123 . Die Compagnacci hatten unter Führung Jakob de' Nerlisanfangs beabsichtigt, die Bänke und Stühle im Dome anzuzünden,standen jedoch davon ab, als ihnen Jakobs Vater Tanai dies wider-riet 124 , aus Furcht, der Rache des erzürnten Volkes anheimzu-fallen. Dagegen kamen sie überein, die Kanzel mit den Einge-1, ■weiden eines vor einigen Tagen verendeten Esels zu beschmierenund mit seiner Haut zu überspannen; sie schlugen überdies spitze!Nägel in die Brüstung, auf die der Frate im Eifer des Vortragesmit den Händen zu pochen pflegte. Als nun die Gläubigen beiTagesgrauen die Kirche betraten und den unerträglichen Gestankwahrnahmen, sorgten sie dafür, daß die Kanzel gereinigt sowievon den eingeschlagenen Nägeln gesäubert wurde. Kaum hattendie Compagnacci erfahren, daß ihr Anschlag vereitelt sei, als sieden Prediger auf dem Wege zum Dom zu ermorden planten; dader Frate aber von einer starken Menge Bewaffneter umringt war,so mußten sie auch von diesem Vorhaben absehen. 'So konntedieser die Kanzel zur festgesetzten Zeit ungestört besteigen undseine Predigt beginnen, die sich im ersten Teile an Gott, im zweitenan die Guten, im dritten an die Gottlosen richtete 125 . Schon gingsie dem Ende zu, als einer der Compagnacci, namens Franz Cei,mit einem Stein oder Prügel auf den mit Münzen gefüllten eher-nen Opferkasten inmitten der Kirche einhieb und dann davon-lief, während sich zugleich die Tore öffneten. Augenscheinlichhatten es die Compagnacci darauf abgesehen, das Volk zu er-schrecken und zur Flucht aus der Kirche zu locken, um in derallgemeinen Verwirrung über den Prediger herfallen und ihmden Garaus zu machen. Darin verrechneten sie sich nun freilich.Immerhin erregte das jähe, heftige Gepolter eine unbeschreiblicheVerwirrung. Zu Tode erschrocken, brach 'das Volk in den tau-