Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
396
Einzelbild herunterladen
 

39 6 DIE PREDIGTEN ÜBER EZECHIEL

Beschwerde, Wichtigeres zu tun, als sich um Pfaffenhändel zukümmern 41 . Johann von Camerino, ein nicht ungelehrter Mann,wurde zwar ob seiner Schmähreden, deren er sich bald daraufselbst rühmte 42 , verhaftet (März 1497), aber bald wieder auffreien Fuß gesetzt 43 . Auch der Augustiner P. Leonhard vonSerezano von Heilig Geist, ein humanistisch gebildeter Mann,schon 1482 und 1483 als Prediger an der römischen Kurie tätig,hielt nun die Zeit für geeignet, den Frate zu beschuldigen, erbetrüge das Volk und sei ein Heuchler und Bösewicht, aber keinProphet 44 . Wohl wurde er von den Frateschen an der Abhal-tung der Prozession verhindert, die am zweiten Osterfeiertage inseinem Bezirke mit einem bestimmten Kreuze vor sich zu gehenpflegte 45 . Dafür trat er jedoch im April mit 12 Streitsätzen her-vor und machte sich anheischig, auf dem Platze oder im Palasteder Signoren öffentlich darzutun, der Frate sei ein Ketzer, einSchismatiker und ein Lügenprophet und gebe das schlechtesteBeispiel. Dieser erwies ihm jedoch nicht den Gefallen, sich mitihm einzulassen, und so brannte das Feuer von selbst aus 48 .Um den Frate an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen undseines prophetischen Glanzes zu entkleiden, zerrte man sogar eineNonne aus ihrem Kloster. Alfons Strozzi, eines der Häupter derArrabbiaten, ließ die Schwester Magdalena, die im Bufe einerfrommen und gelehrten Ordensfrau in S. Maria zu Casignanolebte und im Gerüche seherischer und prophetischer Gabenstand, nach Florenz kommen, um den Frate in einer öffentlichenUnterredung zu beschämen und als falschen Propheten zu ent-larven. Zu ihrem Schmerze mußte sie jedoch unverrichteter-dinge abziehen, da sich der Frate zu der ihm angesonnenenlächerlichen Komödie nicht hergab 47 . Was die Gegner auchunternehmen mochten es gelang ihnen nicht, dem Volkeseinen Frate zu verleiden. Der Andrang zu seinen Predigtennahm im Gegenteil immer noch zu. Sogar an Wochentagenscharten sich beständig 15000 Personen um seine Kanzel 48 . Her-kules von Este, Neffe des Herzogs von Ferrara, kam eigens nachFlorenz, um ihn zu hören, und wohnte verkleidet vier Predig-ten bei; es war bekannt, daß er hohe Stücke auf den Predigerhielt 49 , auch Julius von Este zählte zu seinen Hörern. Der Kar-dinal Orsini besuchte ihn verkleidet in S. Marco 50 . Aber auchdie Gegner ruhten nicht. Leidenschaftlicher denn je tobte der