XX. Kapitel.
DIE PREDIGTEN ÜBER EZECHIEL.
VERBRENNUNG DER „EITELKEITEN".
DER AUFRUHR AN CHRISTI HIMMELFAHRT.
Am 27. November 1496 begann der Frale mit seinen „Pre-digten über den Propheten Ezechie l" 1 , von welchendie ersten acht im Advente 1496, die übrigen vierzig in der folgen-den Fastenzeit, die letzte an Christi Himmelfahrt, 4. Mai 1497,gehalten wurde. Was an ihnen vor allem auffällt, ist ihre Kürze.Sie hat in dem Umstände ihren Grund, daß sich der Prediger selbstkürzer als sonst faßte 2 , daß aber auch Lorenz Violi, der sie nach-schrieb, eben damals mit der Drucklegung der Predigten überArnos beschäftigt, nicht den vollen Wortlaut, sondern nur einennicht für den Druck bestimmten Auszug zu geben beabsichtigte 3 .Von Lukas Bettini, einem Ordens- und Klostergenossen und war-men Verehrer des Frate, bestürmt, überließ ihm Violi später seineNachschrift, die der Entleiher sofort eigenmächtig in den Druck 4gab. Aus den Vorträgen hallen uns die Klagen, Vorwürfe undBeschuldigungen entgegen, die wider den Prediger im Umlaufewaren und daher von ihm zurückgewiesen werden mußten. Vorallem sah er sich zur nachdrücklichen Verteidigung seiner prophe-tischen Sendung und Predigt veranlaßt. Im Angesichte Gottesund seiner Engel beteuerte er, daß er nie daran gedacht habe,seine Hörer zu täuschen; immer habe er nur die reine Wahrheitverkündet, für die er sein Leben hinzugeben bereit sei. Neuer-dings legte er dar, wie notwendig und angemessen die Prophetiefür das Heil der Gläubigen sei; bisher habe er sich mit den kleinenPropheten befaßt, nun greife er mit Ezechiel zu den großen. Wiedie Juden, als Jeremias zur Zeit des Königs Joachim predigte,murrten, sie seien von Jeremias betrogen, worauf sich Ezechielzu seiner Verteidigung erhob, so sehe nun auch er sich gezwun-gen, für die Wahrheit seiner prophetischen Lehre zu streiten 5 . Ameindringlichsten redete er den Hörern in der Predigt ins Gewis-sen, die er am 13. Dezember, dem Feste der heiligen Lucia, auf