Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
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_________________ ZUDRANG ZU S. MARCO _______ 369

Taufwasser feucht. Wir gewahren unter ihnen die einzigen Söhneihrer Eltern, die letzten ihres Geschlechtes. Wir stoßen auf meh-rere Angehörige derselben Familie, auf mehrere Cinozzi, Maruffi,Mei und Ubaldini, auf fünf leibliche Brüder Strozzi. Sogar einverheirateter Mann zog sich in die Ruhe des Klosters zurück, wäh-rend seine Frau den Schleier in S. Lucia nahm; ein andererkonnte zwar die Fesseln, die ihn an die Welt banden, nicht gänz-lich sprengen, war aber glücklich, im Laiengewande inmitten derBrüder leben und sterben zu dürfen 11 . Größtes Aufsehen erregte es,als Pandolph Rucellai, einer der angesehensten Männer der Stadt,Bruder des Staatsmannes und Humanisten Bernhard Rucellai, inS. Marco eintrat 12 . Vater mehrerer Kinder, war er nach dem frü-hen Tode seiner Gattin ehelos geblieben, um sich fortan in Werkender Andacht und Nächstenliebe zu erschöpfen. Im Mai 1495 ge-hörte er dem Rate der Zehn an, und war eben zum Gesandten anden König von Frankreich erkoren worden, als er sich, nachdemer schon bisher in der Welt das gottesfürchtige Leben eines Klo-sterbruders geführt hatte, in der Sorge, sich zu sehr in die Händelder Welt zu verstricken, sechzigjährig nach S. Marco zurückzog,wo er 1497 als Bruder Santi sein Leben beschloß, nachdem er demFrate in mehreren Schriften 13 den Zoll seiner Dankbarkeit ent-richtet hatte. Nicht minder machte es im Volke den tiefsten Ein-druck, als Leuchten der humanistischen Wissenschaft, wie ZenobAcciajuoli und Georg Anton Vespucci 14 , sodann ein um seiner ka-nonistischen Gelehrsamkeit willen so hochangesehenes Mitglieddes florentinischen Metropolitankapitels wie Malatesta Sacramoround der als Mensch wie Arzt gleich beliebte und geschätzte MeisterPeter Paul von Urbino ihr Heil in S. Marco suchten 15 . Es konntekein Zweifel sein, daß es eben der Frate war, auf dessen Rechnungdie gewaltigen Eroberungen S. Marcos kamen. Ihm zuliebe ström-ten sie herbei 16 , in seiner Nähe wollten sie atmen, unter seinerLeitung leben, aus seinen Händen das Ordenskleid empfangen.Die Chronik von S. Marco bemerkt wiederholt, daß sich die No-vizen mit der Gelübdeablegung, falls er zur treffenden Zeit ebenaußerhalb des Klosters weilte, lieber bis zu seiner Rückkehr ge-duldeten, als sich mit einem Stellvertreter zu begnügen. Selbst alser im Mai 1496 aus dem Priorate geschieden war, um nur mehrseines Amtes als Generalvikar zu walten, als welcher er mit derGelübdefeier nichts zu tun hatte, sahen die Novizen darauf, daß

24 Schnitzer, Savonarola