DES KAISERS FLUCHT 3 65
gewesen, daß sie einen Staatsstreich planten 156 . Der Frate dagegenempfahl dem Volke Gebet, Glauben und Geduld als die bestenRüstzeuge und Waffen. „Fürchtet euch vor keiner Liga", rief erden Hörern am Feste Allerheiligen zu 157 . „Die Fürsten und Völkersprechen wohl zueinander: halten wir zusammen! Gleichwohl wal-tet Zwiespalt und Uneinigkeit unter ihnen. Wähnet nicht, Gotthelfe euch, wenn ihr euch nicht vor allem selbst helft und dieHand in den Schoß legt! Übt strenge Rechtspflege! Weg mit denSodomiten! Verbrennt sie ohne Barmherzigkeit! Weg mit denSpielen, die sich wieder allenthalben breit machen! Weg mit denLastern! In eure Hände sind eure Gnaden gelegt. Und glaubetnicht, wenn von Gottlosen die Rede ist, es seien damit immer nurdie Großen gemeint, denn viele von ihnen leben tugendhaft, wennauch andere einen schlimmen Wandel führen 158 .
So groß die Freude war, welche die Florentiner über die An-kunft der französischen Schiffe empfanden, so waren sie sich derschweren Gefahr, die ihnen vom Kaiser immer noch drohte, sehrwohl bewußt. Max hatte einen starken Angriff auf den Hafen vonLivorno geplant; er war jedoch nicht nur nicht imstande, ihn aus-zuführen, sondern vermochte es nicht einmal zu verhindern, daßdie im Hafen liegenden französischen Schiffe das Weite suchtenund seiner Nachstellung entkamen 159 . Es war wirklich, als ob einehöhere Hand all seine Anschläge gegen die Florentiner vereitelte.Als sich die — später allerdings als unrichtig erwiesene — Nach-richt vom Schiffbruche neun venetianischer und genuesischer Ga-leeren verbreitete, hielt man dies in Florenz abermals für ein hand-greifliches göttliches Wunder, das den Wundern des Alten Testa-ments keineswegs nachstehe 160 . Am kläglichsten mißlang der vomKaiser beabsichtigte Angriff auf Florenz selbst. Max erkannte garbald, daß er auch hierzu viel zu schwach sei, und eilte nunschimpflich davon, ohne zu ruhen, bis er anfangs Dezember inder Lombardei mit dem Mohren und dem päpstlichen Legaten zu-sammentraf, die über seine militärischen Errungenschaften wenigentzückt waren. Das schmähliche Scheitern seiner mit so hohenWorten angekündigten kriegerischen Unternehmungen schadetedem kaiserlichen Ansehen in den von den märchenhaften ErfolgenKarls VIII. geblendeten Augen der Italiener außerordentlich; dieflorentinischen Schriftsteller namentlich ließen ihrer Geringschät-zung freien Lauf 161 . In der Tat, welch seltsamer Gegensatz! Hier