3 52 DIE PREDIGTEN ÜBER RUTH
Bürger. Während die große Mehrheit den Fortbestand der Volks-herrschaft wünschte, arbeiteten die Vornehmen aus allen Kräftenauf ihre Beseitigung hin. Es fehlte unter ihnen nicht an Leuten,die sich über das Unglück des Vaterlandes freuten und sogar inhochverräterische Umtriebe mit den Pisanern einließen, die siebrieflich ermunterten, sich ja auf keine Unterhandlungen mit denFlorentinern einzulassen, sondern im Widerstände gegen sie zu be-harren, solange die jetzige Verfassung bestehe 74 . Diese Verhältnissegaben dem Frate Anlaß, seinen Hörern die Sorge um das Gemein-wohl und um die Volksherrschaft nachdrücklich ans Herz zulegen 75 , eine Predigt, mit der er sich sogar nach dem Geständnisseseiner Gegner das größte Verdienst um die Gemeinde erwarb 76 .In ernsten Worten hielt er den Bürgern ihre Undankbarkeit vor,ihre Wankelmütigkeit, ihre Pflichtvergessenheit gegen das Vater-land 77 , ihre Lässigkeit in der Rechtspflege und in der Bestrafungund Ausrottung der volksverheerenden Laster, ihre Nachlässigkeitin der Ausführung der beantragten Frauen- und Kinderreform 78 .Er drohte den saumigen Signoren ein schlimmes Ende an undklagte, der ganze Palast sei voller Teufel 79 ; er forderte die Gläubi-gen auf, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, da ja sie diewahren Herren der Stadt seien 80 . Er wünschte Pest, Hunger undKrieg und alles Unheil auf seine Gegner herab und verstieg sichsogar zu der Behauptung, wer ihm nicht glaube, der könne keinguter Christ sein 81 . Er trug kein Bedenken, sich zum Wunder be-reit zu erklären, falls Gott ein solches für nötig erachte 82 . Er be-zeichnete alle Gerüchte, die von einem Frieden zwischen dem Kö-nige und der Liga im Umlaufe waren, als törichtes Gerede, dennnicht Friede, sondern Krieg stehe in Aussicht 83 . Allein, so sehr derFrate mit seinen Mahnungen, wie selbst seine Widersacher zu-geben mußten 81 , im Rechte war, so erregte er doch bei seinen Geg-nern schwersten Anstoß. Da sie sich an ihn selbst nicht heran-wagten, so ließen sie einen seiner aufrichtigsten Anhänger, denfreilich etwas anrüchigen Notar Julius da Ripa, ergreifen undfoltern, in der Hoffnung, ihm Geständnisse zuungunsten desFrate erpressen zu können. Julian bekannte nun zwar in der pein-lichen Untersuchung seine Schmähreden gegen die gemeinschäd-lichen Bürger, beteuerte aber zugleich, daß in S. Marco, wo er einund aus ging, nichts Übles geschehe 85 . Die Gegensätze unter derBürgerschaft waren wieder einmal zu einer Schärfe gediehen, daß