344 DIE PREDIGTEN ÜRER RUTH
höchsten kirchlichen Würden, selbst den Kardinalshut an , wenner zwischen ihm und dem Könige von Frankreich vermittle undes dahin bringe, daß dieser von einem feindlichen Vorgehen widerihn abstehe und ihn auf dem apostolischen Stuhle belasse 23 . EinerVersuchung solch lockender Art hätten die wenigsten widerstan-den. Der Frate erlag ihr nicht. „Wenn ich nach Reichtümernoder Ämtern, nach dem roten Hute oder der Mitra strebte," er-klärte er 24 ,' „so schlüge ich, ihr dürft es mir glauben, ihr hohenHerren, ganz andere Wege ein. Mein Sinn steht nicht nach mensch-lichem Ruhme, dies sei ferne von mir. Mir genügt es, daß du, mein
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Gott, dein Blut für mich vergossen hast. Nicht in anderen will ich- mich rühmen als in dir und deinem Wohlgefallen. Du bist meinRuhm, du richtest mein Haupt und meinen Sinn empor. Ich willkeinen roten Hut, keine großen oder kleinen Mitren. Ich willnichts, als was du deinen Heiligen gäbest, den Tod. Einen rotenHut, einen blutigen Hut, den begehreich 25 ."
Man würde dem Papste wohl Unrecht tun, wenn man die Auf-richtigkeit seiner dem Frate gemachten Anerbietungen bezwei-felte. So verschlagen und hinterlistig er war, so stellte er seineverrufenen Künste doch stets in den Dienst seines Vorteils, undso wäre er gewiß/auch zur Verleihung des roten Hutes an denFrate bereit gewesen, wenn er sich die Freundschaft des franzö-sischen Königs damit hätte erkaufen können. Um sie war es ihmaber eben damals, im Frühsommer 1496, ganz besonders zu tun;der auffällige Wechsel in seiner Haltung zum Frate war durch diepolitische Lage bedingt, die sich, wie er befürchtete, zu seinenUngunsten verschoben hatte. Er, das Haupt und die festesteSäule der Liga, begann zu wanken und seinen bisherigen Bundes-genossen, besonders dem Mohren, zu mißtrauen; er unterhielt ge-heime Bziehungen zu Karl VIII. und war einer Verständigung mitihm durchaus nicht abgeneigt 28 . Diese Schwenkung des Papsteswar leicht begreiflich. Karl VIII. hatte den Boden Italiens in derfesten Absicht verlassen, bald mit noch stärkeren Kräften zurück-zukehren, und gerade die Florentiner waren es, die seine Rück-kehr emsig betrieben. Durch ihre Gesandten Franz Soderini, NeriCapponi und Joachim Guasconi ließen sie dem Könige vorstellen 27 ,wie sie um seinet- und der Wiedergewinnung Pisas willen dieschwersten Geldopfer, überdies aber auch die Feindschaft alleritalienischen Mächte auf sich genommen hätten und nun, wenn