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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
331
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KINDERPROZESSION AM FASCHINGSDIENSTAG 331

der Frate werde sich diese Gepflogenheit am allerwenigsten ent-gehen lassen, um seine jungen Lieblinge in die heiligen Geheim-nisse einzuweihen 44 . Gerade von solchen Schaustellungen wollte eraber nichts wissen, weil sie mit allzuviel theatralischem und be-denklichem, ja unsittlichem Beiwerke belastet waren 45 . Dagegenbereitete er den Kindern die Freude, bei der Prozession 46 dieHauptpersonen spielen zu dürfen, die er auf den Fastnachtstaganberaumt hatte; sie sollten so für die herkömmlichen Spiele ent-schädigt werden, auf die sie ihm zuliebe verzichtet hatten. Daihm daran lag, an die Stelle des heidnisch-sündhaften Faschings,woran die Stadt von den fröhlichen Zeiten Lorenzos de' Medici hergewohnt war, einen christlich-frommen treten zu lassen, so suchteer auch die vielfach anstößigen alten Karnevalssänge durch erbau-liche Lauden zu ersetzen, die er zum Teile selbst verfaßte 47 . AmFaschingsmorgen nahmen die Kinder am Hochamte im Dome teil,stellten sich nach dem Frühstücke auf dem Platze vor S. Annun-ziata auf und setzten sich dann, nach Stadtvierteln geordnet, inBewegung. Voran schritten, festliche Weisen schmetternd, dieTrompeter der Signorie. Auf sie folgte ein Kreuz und ein rotesBanner mit dem Bilde der Madonna und des göttlichen Kindes.Nun erblickte man eine unabsehbare Kinderschar; man schätztesie auf 10 000, darunter 4000 im Alter von 69 Jahren 48 . Siegingen barköpfig zu je drei oder fünf, Ölzweige in Händen undLitaneien und Lauden singend. Von S. Annunziata zogen sie anS. Marco vorbei durch die breite Gasse 49 zur Dreifaltigkeitskirche,überschritten die gleichnamige Brücke und steuerten über die alteBrücke und den Signorenplatz dem Dome zu, der gleich denStraßen, durch die sich der Zug schlängelte, gedrängt voll vonMenschen war. Im Dome wurde für die Armen gesammelt; allesgab freudig und gern. Die einen legten Gold- oder Silbermünzenin die Opferteller, die anderen spendeten mancherlei Wertsachen,Frauen gaben silberne Löffel, Schleierhalter, Taschen- und Hand-tücher und viele andere Dinge. Auf dem Signorenplatze nahmdie Feier mit der Absingung des Te Deum, in die sich Trompeten-und Pfeifenschall mischte, ihr Ende. Aus Tausenden und aberTausenden von Kehlen erscholl der begeisterte Ruf:Hoch lebeChristus der Gekreuzigte, hoch lebe Jesus, unser König und derKönig des florentinischen Volkes!" Alle Teilnehmer waren aufstiefste ergriffen, viele weinten vor Freude. Man erkannte Gottes