Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
330
Einzelbild herunterladen
 

330 DIE PREDIGTEN ÜBER AMOS

Willig standen sie von Lustbarkeiten und Vergnügungen ab, dieso tief eingewurzelt waren, daß selbst die berühmtesten Bußpredi-ger an ihnen nicht zu rütteln gewagt hatten. Es war üblich, amFasching auf öffentlichen Plätzen und breiten Straßen Pfähleaufzustellen, mit Reisigbündeln zu umzäunen und alles anzuzün-den. Um diesecapannucci" entwickelte sich nun ein lebhaftesTreiben und Drängen der männlichen Jugend, die sich mitSteinen und Waffen förmliche Schlachten lieferte, bei welchen esnicht ohne Tote und Verwundete abging. Vergeblich hatten esdie Behörden wiederholt versucht, diesen Roheiten ein Ende zumachen; ein Wort des Frate genügte zur namenlosen Verwunde-rung der ganzen Stadt, dem Unfuge Einhalt zu gebieten 39 . AmFasching war es auch Sitte, daß die Kinder die Straßen mit lan-gen Stöcken (stili) absperrten und alle Fußgänger, besonders aberJungverheiratete Frauen, solange anhielten, bis sie ein Geld-geschenk von ihnen erhalten hatten, mit dem sie Trinkgelage undSchmausereien veranstalteten. Die unschuldige Freude des Ab-sperrens der Straße mit stili verdarb der Frate den jungen Leutennun zwar nicht, er stellte sie aber in den Dienst der christlichenNächstenliebe 40 . Am Fasching 1496 sah man an allen Straßen-ecken kleine Altärchen mit Kreuzen und verschiedenen Figürchen,in deren Nähe Kinder Almosen für verschämte Arme einsammel-ten, mit einem Eifer und Ungestüm, daß niemand des Weges gehenkonnte, ohne ein Lösegeld zu entrichten 41 .

Im Zeichen der christlichen Nächstenliebe stand auch die groß-artige Kinderprozession vom Faschingsdienstag, 16. Februar 1496.Wiederum war es nicht erst der Frate, der die Kinder zu öffent-lichen Umzügen einlud; auch hier knüpfte er lediglich an längsteingebürgerte Verhältnisse an. Unter dem bunten Gepränge, mitdem die Florentiner das Fest ihres Schutzheiligen, Johannes desTäufers, zu begehen pflegten, spielte eine hervorragende Rolleeine Prozession, an der sich auch Kleriker im Knabenalter 42 sowieweißgekleidete Kinder und Engelchen 43 beteiligten. Überdieswurden bei dieser Gelegenheit wie auch sonst bei festlichen An-lässen lebende Bilder aus der biblischen Geschichte gestellt, so derEngelsturz, die Erschaffung der ersten Menschen, ihr Sündenfallund die Vertreibung aus dem Paradiese, die Propheten, die Ver-kündigung, die Geburt Christi, die Weisen aus dem Morgenlande,Jesus im Grabe, die Auferstehung u. a. Man hätte erwarten mögen,