2 7 2 SAVONAROLA UND DIE KINDER
bei Heiligkreuz bestattet, am 15. Mai aber von abergläubischenBauern aus dem Grabe gerissen und nahe der Kirche an der Stadt-mauer verscharrt, wurde von den Kindern am 17. Mai neuerdingsausgegraben, an dem Stricke, den er noch von seiner Hinrich-tung her am Halse trug, durch die Stadt geschleift, sodann in denArno geworfen, hierauf wieder herausgezogen, mit Stöcken geprü-gelt und endlich wiederum ins Wasser geschleudert 6 . Auch beider Vertreibung Peter Medicis wirkten sie mit, indem sie ihn,wie wir uns erinnern, mit Steinwürfen verfolgten 7 . Eine solche,an Kindern doppelt empörende Gefühllosigkeit verriet grobeFehler in der Erziehung, namentlich in der Herzens- und Gemüts-bildung, die nicht zuletzt in der Vernachlässigung einer der stärk-sten Erziehungskräfte, der religiösen Belehrung und Übung, wur-zelten. Wohl entbehrten wenigstens die Kinder vermöglicherEltern des für einen tüchtigen Bürger und Geschäftsmann unent-behrlichen Unterrichts in den Grundfächern nicht, der im Zeit-alter der Wiedergeburt der klassischen Literatur durch eine mehroder weniger gründliche humanistische Ausbildung vervollständigtwurde. Das alles war jedoch Speise für Kopf und Verstand undließ die edelsten Seiten der kindlichen Seele ohne Schwung; diereligiöse Erziehung, beim Mangel an einem geordneten öffentlichenSchulwesen der häuslichen Sorge überlassen, ward nur zu häufigaufs stiefmütterlichste behandelt. Vor der Predigt des heiligenBernhardin von Siena (f 1444) blieben die Gläubigen bis zum40. oder 50. Lebensjahre, ja manche bis an ihr Ende den hl. Sakra-menten fern, woran neben der allgemeinen Schwächung des kirch-lichen Sinnes der mangelhafte Unterricht die Schuld trug 8 . Untersolchen Umständen war es nicht zu verwundern, wenn die Kinderden schmählichsten Leidenschaften um so leichter zum Opferfielen, als sie von ihren Eltern, statt gewarnt und zurückgehalten,aus schnöder Gewinnsucht dem Laster im Gegenteil vielfach in dieArme getrieben wurden 9 . Furchtbare Verheerungen richtete ganz be-sonders die Sodomie unter den Knaben und Jünglingen an. „Wehedir, Vater und Mutter," rief der heilige Bernhardin von Siena 10seinen Landsleuten zu, „die ihr in diese Sünde um geringen Gewinnan Gewand oder Geld einwilligt! Wehe euch! Du hilfst damitdeinen Sohn in die Hölle jagen. Alle Italiener sind in dieses Lasterverstrickt. Feuer Gottes, warum fährst du nicht vom Himmelnieder, um all diese Länder einzuäschern! Unser ganzes Vater-