22o DAS SECHS-BOHNEN-GESETZ
Bernhardin von Feltre selbst gewesen, der sich noch im Jahre 1493dazu hatte bewegen lassen, in Florenz mit einer Predigt „Über dieUnterscheidung der Geister" gegen die Leute aufzutreten, die sich„unter der Leitung eines gewissen Ordensmannes abergläubischenGesichten und Offenbarungen überließen und der neuen Erklä-rungen der Heiligen Schrift rühmten, deren sie durch ihn teilhaftwerden sollten" 14 . Seitdem jedoch Bernhardin von Feltre im Sep-tember 1494 gestorben war, war der letzte große Prediger aus derSchule Bernhardins von Siena dahingegangen, und nur mehrSterne zweiter Größe leuchteten am minoritischen Prediger-himmel. Unter ihnen ragte durch Gelehrsamkeit und Beredsam-keit Domin ikus Ponzo au s_Spgzia hervor, ein Mann mit strengenGesichtszügen, auf der Kanzel furchtbar, der die Hörer erschüt-terte und aus ihren Lastern aufschreckte und selbst in Rom daskirchliche Verderben rügte 15 . Als Kreuzzugsredner hatte er reicheGeldmittel gesammelt und ein eigenes Ruderschiff ausgerüstet,das er im Vereine mit der päpstlichen Flotte gegen die Sarazenenführte 10 . Auch in Florenz war er kein Fremder. Schon 1492 hatteer hier unter dem größten Zulaufe des Volkes gepredigt und derStadt angedroht, wenn sie sich nicht bekehre, werde das Blut inStrömen durch ihre Straßen fließen. Da aber bekannt war, daßer das ganz besondere Vertrauen Ludwig des Mohren von Mailandbesaß und sich zu vielen Dingen gebrauchen ließ, die sich füreinen Ordensmann nicht ziemten, so war er unter dem Ver-dachte, daß er im Sinne und Auftrage des Mohren spreche, aus-gewiesen und in Serezzano verhaftet worden 17 . Im Januar 1495vom Mohren ausdrücklich angehalten, sich in den Dienst derflorentinischen Signorie und Bürger, nämlich der mit ihm ver-bündeten Arrabiaten, zu stellen 18 , schenkte er der Einladung desHerzogs von Ferrara, die Fastenpredigten in seiner Hauptstadt zuhalten, kein Gehör, sondern ging nach Florenz, vom Bestrebengeleitet, die Schmach seiner Verhaftung zu tilgen und, wie ersagte, dem jungen Freistaate bei seiner Neugeburt beizuspringen 10 .Sein Wandel war keineswegs der eines Heiligen 20 ; so ließ er sichvon den Arrabiaten unschwer bereden, ihre Geschäfte zu besorgenund dem ihnen verhaßten Frate das Wasser abzugraben. Sofortbegann er mit den schärfsten Angriffen wider diesen, den er anseiner empfindlichsten Stelle mit der Behauptung traf, daß eskeine Propheten mehr gebe noch geben könne, und daß daher,