210 ' NEUORDNUNG DER VERFASSUNG
Die Mahnungen des Predigers fielen, wie nicht anders zu erwar-ten war, auf fruchtbaren Boden. Er selbst konnte mit Befriedigungfeststellen, daß die Dinge einen guten Verlauf nahmen, und fastjedermann zur Mitwirkung bereit war; selbst Peters Vettern Lo-renz und Johann de' Medici, die sich jetzt, um dem Volke zu ge-fallen, Popolani nannten, beteuerten, auf ein gutes und heiligesLeben bedacht zu sein 114 . Man traute dem weltabgeschiedenenfremden Klosterbruder ein so gesundes Urteil in Staatsangelegen-heiten eigentlich gar nicht zu 115 , und hatte ihn im Verdachte, ergebe sich mit seiner Empfehlung des venetianischen Musters ledig-lich zum Sprachrohre P. A. Soderinis her. Der Frate verwahrtesich aufs entschiedenste gegen eine solche Anschuldigung und ver-sicherte, seine Vorschläge seien von niemanden beeinflußt undlediglich der Ausdruck seiner persönlichen Überzeugung 116 .. Ob-schon man sich nun bei Beratung der Verfassungsentwürfe keines-wegs an die von ihm angeregte Abstimmungsweise gebunden erach-tete 117 , so stand man im allgemeinen doch völlig im Banne derdurch seine Predigt geschaffenen Stimmung und lud ihn auch zuder ausschlaggebenden Sitzung ein 118 , in der unter den eingelau-fenen Vorschlägen der beste ausgewählt und die Grundlage derneuen Verfassung gelegt ward. Die Wahl fiel auf den Entwurf derZehnmänner des Krieges, zu welchen P. A. Soderini gehörte; da-durch war die Volksherrschaft gesichert und im großen Rate ver-ankert 110 . Der große Rat, Consiglio grande, auch G. generale odermaggiore genannt, war mit alleiniger Vollmacht zur Gesetzgebungund Übertragung der höchsten Ämter auf dem Wege des Loses be-traut. Anteil am großen Rate hatten nur die Bürger der Stadt Flo-renz, welche entweder in eigener Person oder in ihren Vätern,Großvätern oder Urgroßvätern in einem der höchsten Gemeinde-ämter gesessen waren 120 und um dieses Rechtsvorzuges (benefizio)willen die Bevorzugten (benefiziati) hießen, überdies aber das29. Lebensjahr vollendet und ihre Steuern entrichtet hatten 121 .Solcher „benefiziati" zählte man damals etwa 3600, die aber nichtalle zugleich, sondern in drei, alle sechs Monate abwechselndenAbteilungen zu je 1200 Mitgliedern tagten. Da nun im Signoren-palaste kein Raum groß genug zur Aufnahme einer so zahlreichenVersammlung war, so ließ man durch Meister Simon del Polla-juolo, genannt Cronaca 122 , einen warmen Freund des Frate, einengroßen Saal bauen, der den Beratungen diente und noch heute er-