Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
185
Einzelbild herunterladen
 

LEICHENREDE AUF PICO i8.5

Doch erwies sich ihm der gnädige Richter barmherzig, und umder Almosen willen, die er mit offener und freigebiger Hand denArmen gespendet hatte, sowie um der inständigen Gebete willen,die für ihn zu Gott emporstiegen, geschah es, daß seine Seele zwarnoch nicht im Schöße des Vaters im Himmel frohlockt, aber dochauch nicht den ewigen Höllenstrafen überantwortet, sondern nurdem Fegfeuer zeitweise zu vorübergehender Buße übergeben ward eine Nachricht, die ich insoferne mit Freuden kundgebe, alsihm nun seine Bekannten und besonders alle jenen, die so reich-liche Wohltaten von ihm empfingen, mit ihren Gebeten zu Hilfeeilen können 38 ." Nun erst war auch klar, wie wahr die seligsteJungfrau gesprochen hatte, als sie dem Grafen auf seinem Sterbe-lager verhieß, daß er dem Tode nicht erliegen werde. Er selbsthatte dies vom leiblichen Tode verstanden, auch Savonarola hattees so aufgefaßt und angesichts des zunehmenden Kräfteverfallesdes Kranken sein Gesicht für eine dämonische Täuschung gehalten.Nun aber, da er die Gewißheit hatte, daß.Pico im Fegfeuerschmachte, sah er ein, daß die seligste Jungfrau mit dem Tode,dem Pico entrinnen solle, den ewigen Tod der Hölle gemeinthabe 39 . Die sterblichen Überreste Picos wurden in S. Marco zurletzten Ruhe gebettet.

Die Kunde vom Hinscheiden eines so berühmten Mannes wiePico hätte inner- wie außerhalb der Arnostadt viel größeres Auf-sehen hervorgerufen, wäre sie nicht durch die ungeheure Auf-regung in den Hintergrund gedrängt worden, die die Anwesenheitder französischen Truppen hervorrief. Die Beziehungen der Flo-rentiner zu ihrem königlichen Gaste blieben vorzüglich, solange siesich auf äußere Förmlichkeiten und Feste beschränkten. Sobaldaber der nüchterne Ernst der politischen Verhandlungen begann,nahmen die Dinge sofort ein bedrohliches Gesicht an, und dieschlimmsten Befürchtungen schienen sich zu verwirklichen.Wahres Entsetzen rief die Forderung des Königs nach Zurück-berufung Peter Medicis ganz besonders bei allen denen hervor,die sich an seiner Vertreibung beteiligt und daher seinen ganzenHaß zu gewärtigen hatten. In den leidenschaftlichen Beratungen,die über dieses Verlangen gepflogen wurden, kam der unerschüt-.terliche Entschluß der überwältigenden Mehrheit der Bürger zumAusdrucke, lieber für die Freiheit Leben und Habe zu opfern,als in die Rückkehr des verhaßten Tyrannen einzuwilligen. Franz